Der Regionalversorger berichtet über einen operativen Gewinnrückgang seiner Gruppe, der durch Regulierungsentscheidungen ausgelöst worden sein soll. Doch aus dem Geschäftsbericht der RWE-Tochter ergibt sich ein ganz anderes Bild der wirtschaftlichen Situation.

Gewinnrückgang in der Gruppe, Gewinnverdopplung bei der Mutter und geheime Zahlen der Netzgesellschaften – das sind die Rätsel von Enviam. Foto: Stefan Schroeter


Der Regionalversorger Enviam hat für das vergangene Geschäftsjahr 2014 sehr widersprüchliche Gewinnzahlen vorgelegt. Einerseits berichtete Vorstandschef Tim Hartmann gestern in der Niederlassung Markkleeberg darüber, dass das operative Ergebnis der Enviam-Gruppe vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Englisch: Earnings before interest, taxes and amortization – Ebita) um zehn Prozent auf 312,7 Millionen Euro zurückgegangen sein soll. Als Ursache dafür nannte Hartmann regulatorische Einschnitte der BNA Bundesnetzagentur ins Netzgeschäft. Die BNA habe einen Teil der Kosten nicht anerkannt, die bei der Enviam-Tochter Mitnetz Strom angefallen seien. Die Kosten dieses Netzbetreibers werden unter BNA-Kontrolle auf die Netzentgelte umgelegt, die kleine und mittelgroße Stromkunden zahlen müssen.

Andererseits ergibt sich beim Blick in den gleichzeitig vorgelegten Geschäftsbericht der Muttergesellschaft Enviam AG ein entgegengesetztes Bild der wirtschaftlichen Situation. Hier wird ein Jahresüberschuss ausgewiesen, der sich trotz rückläufiger Umsatzerlöse gegenüber dem Vorjahr 2013 auf 346 Mio. Euro nahezu verdoppelt hat. Ein Ebita ist hier nicht aufgeführt, so dass die Zahlen von Gruppe und Mutter eigentlich nicht vergleichbar sind. Damit bleiben die großen Unterschiede weitgehend rätselhaft.

Hartmann erklärte den starken Gewinnanstieg bei der Muttergesellschaft zunächst mit Kosten für „Personalanpassungen“. Dafür waren im vorigen Jahr 2014 immerhin 61 Mio. Euro weniger angefallen als 2013. Bei näherer Betrachtung stellte sich dann heraus, dass die „Erträge aus Gewinnabführungen“ einen noch größeren Einfluss hatten. Das sind die Gelder, die Enviam-Tochtergesellschaften aufgrund von Gewinnabführungs-Verträgen an ihre Muttergesellschaft zahlen. Sie stiegen um 78 Mio. Euro gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig musste  Enviam 57 Mio. Euro weniger Verluste für diese Töchter ausgleichen. Das ergibt zusammen einen positiven Effekt von 135 Mio. Euro.

 

Geheime Netzgewinne

Zu den wichtigsten Tochterunternehmen, die Gewinnabführungs-Verträge mit Enviam haben, zählt die Netzgesellschaft Mitnetz Strom. Ihr Geschäftsergebnis wird von Enviam allerdings ebenso wenig veröffentlicht wie das der Netzgesellschaft Mitnetz Gas, an der Enviam über die Tochter Mitgas beteiligt ist. Hartmann begründete dies mit der üblichen Praxis der RWE-Gruppe, zu der Enviam gehört. Ein sicher nicht erwünschter Begleiteffekt dieser Geheimhaltung ist nun, dass seine möglicherweise berechtigte Kritik an den BNA-Regulierungsentscheidungen zumindest anhand der vorgelegten widersprüchlichen Geschäftszahlen nicht nachvollziehbar ist.

Wie das rückläufige Ebita für die Envia-Gruppe im einzelnen zustande kam, wurde gestern in Markkleeberg nicht deutlich. Das liegt auch daran, dass es für die Gruppe keinen geprüften Geschäftsbericht gibt, wie er für die Muttergesellschaft vorliegt. Für die Aktionäre dürfte es daher jedenfalls eine gute Nachricht gewesen sein, dass ihre Dividende von 70 Cent je Aktie – insgesamt 174 Mio. Euro – weiterhin aus dem Bilanzgewinn der Muttergesellschaft gezahlt wird. Größter Aktionär ist RWE mit 59 Prozent, die übrigen Anteile halten Kommunen der von Enviam versorgten Regionen, also in Teilen Brandenburgs, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens.


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