Vor zehn Jahren hatte der Technikkonzern ein sächsisches Ingenieurunternehmen übernommen, das Anlagen für die Gaserzeugung aus Kohle und anderen Energieträgern entwickelt. Doch das Geschäft mit den Kohlevergasern ist nicht wie erwartet vorangekommen – und soll nun eingestellt werden.

In der Testanlage untersuchten die Freiberger Experten, wie sich unterschiedliche Brennstoffe im Vergaser verhalten. Archivfoto 2013: Siemens


Der Technikkonzern Siemens sieht keine Möglichkeiten mehr, die Schließung seiner Tochtergesellschaft Siemens Fuel Gasification Technology (Deutsch: Siemens-Brennstoffvergasungstechnik) im sächsischen Freiberg abzuwenden. Darüber seien die 50 Mitarbeiter am 19. Januar informiert worden, teilte der Konzern auf Anfrage mit. Die Entscheidung, das Tochterunternehmen zu schließen, sei ursprünglich schon im Mai 2015 gefallen, nachdem Versuche, das Geschäft an namhafte nationale und internationale Firmen zu veräußern, gescheitert waren. Es habe faktisch kein Kaufinteresse bestanden. Auch der zuletzt verfolgte Plan, einen Technologiestandort mit staatlicher Beteiligung zu entwickeln, habe sich als nicht umsetzbar erwiesen. Nun werde mit dem Konzernbetriebsrat und der Industriegewerkschaft Metall ein Sozialplan erarbeitet.

Siemens FGT hat für den Konzern das Geschäft mit der Gaserzeugung aus Kohle und anderen Energieträgern wie Biomasse, Petrolkoks und Raffinerierückständen geführt. Das Freiberger Tochterunternehmen betrieb eine Testanlage und entwickelte ingenieurtechnische Konzepte für Gaserzeugungsanlagen weltweit, vor allem in China. Das in diesen Anlagen produzierte Synthesegas ließ sich nutzen, um in integrierten Kombi-Gaskraftwerken (Englisch: Integrated Gasification Combined Cycle – IGCC) sowohl Strom und Wärme, als auch chemische Vorprodukte und synthetische Energieträger zu produzieren.

 

Alternative Rohstoffe

Damit war es möglich, Kohle und andere Energieträger als alternative Rohstoffe zu Erdgas und Erdöl zu erschließen. Außerdem eignen sich IGCC-Anlagen gut dafür, das Treibhausgas Kohlendioxid aus dem Stoffstrom abzutrennen, um es stofflich zu nutzen oder unterirdisch zu speichern. Allerdings gilt die Vergasertechnik bisher auch als vergleichsweise aufwendig und daher nur unter speziellen Bedingungen als wettbewerbsfähig.

Das Freiberger Ingenieurunternehmen hatte das für die Gaserzeugung angewendete Flugstromvergaser-Verfahren zunächst unter dem Dach der Schweizer Sustec-Gruppe entwickelt und vermarktet, bevor das Unternehmen im Jahr 2006 von Siemens übernommen wurde. Dabei erwarb der deutsche Konzern auch den Sustec-Anteil von 50 Prozent an einem Gemeinschaftsunternehmen mit der chinesischen Shenhua Ningxia Coal Group. Um die Synthesegas-Technik weiter zu entwickeln, plante Siemens damals noch, eine große Kohlevergaser-Anlage im sächsischen Spreetal mit einer thermischen Gesamtleistung von mehr als 1.000 Megawatt zu errichten. Dieser Plan wurde dann allerdings nicht umgesetzt.

Auch das Gemeinschaftsunternehmen mit Shenhua gibt es nicht mehr. Seine Kernaufgabe sei es gewesen, auf dem chinesischen Markt den Vertrieb zu unterstützen und Vergaser-Betriebslizenzen bereitzustellen, teilte Siemens mit. Beide Partner hätten sich darauf verständigt, das Joint Venture nach Ablauf der vereinbarten Laufzeit im April 2015 nicht zu verlängern.

 

Teure Technologie

Weder in China noch weltweit habe sich der Markt für die Vergasungstechnologie so entwickelt, wie der Konzern sich das beim Kauf des Freiberger Ingenieurunternehmens im Jahr 2006 erhofft hatte, berichtete Siemens weiter. Eigentlich hätten die Gaserzeuger dem Konzern dabei dabei helfen sollen, sein traditionelles Kernprodukt Gasturbinen besser zu verkaufen. Allerdings sei die Akzeptanz des Rohstoffs Braunkohle stark gesunken und die Technologie teuer. Auch das Geschäft in China, wo Siemens bereits mehrere Hochtemperatur-Vergaser verkaufen konnte, habe sich zuletzt ungünstig entwickelt.

Dabei hatte der Technikkonzern erst im Mai 2014 einen Großauftrag vom chinesischen Kohlekonzern Shenhua Ningmei Coal Group erhalten. Danach sollte Siemens bis zum Sommer 2015 insgesamt 24 Kohlevergaser mit einer thermischen Leistung von jeweils 500 Megawatt für eine Kohleverflüssigungs-Anlage liefern, die Shenhua am nordwestchinesischen Standort Yinchuan errichten wollte. Lizensiert und ingenieurtechnisch geplant wurden die Gaserzeugungsanlagen von Siemens FGT in Freiberg. Die Endmontage sollten chinesische Unternehmen übernehmen, die von Siemens dafür qualifiziert wurden.

 

Chinesisches Geheimnis

Eine Auskunft dazu, ob die 24 Kohlevergaser wie vorgesehen geliefert und montiert worden sind, war bei Siemens nicht zu bekommen. Zu Details der Auftragserfüllung äußere sich der Konzern nicht, hieß es auf Anfrage. Das lässt es als wahrscheinlich erscheinen, dass dieser Großauftrag bisher noch nicht abgeschlossen wurde – aus welchen Gründen auch immer. Um ihn weiter zu bearbeiten, wird Siemens vermutlich zumindest auch noch in den nächsten Monaten weiter Spezialisten benötigen, die sich mit der von FGT entwickelten Vergasertechnik auskennen.

In welcher Geschäftseinheit des weit verzweigten Konzerns sie künftig beschäftigt werden könnten, ist wieder eine andere Frage. Ein chinesisches Tochterunternehmen sollte dafür jedenfalls nicht in Erwägung gezogen werden können. Denn in China ist Siemens nach eigenen Angaben derzeit an keinem Unternehmen beteiligt, das Hochtemperatur-Vergaser entwickelt und ingenieurtechnisch plant.


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