Im Gebiet des regionalen Verteilnetzbetreibers Mitnetz Strom ist die Menge des eingespeisten Stroms aus erneuerbaren Energien im vergangenen Jahr 2015 deutlich stärker gewachsen als die installierte Leistung. Um das Netz stabil halten zu können, muss er immer öfter Ökokraftwerke abregeln.

Hochspannungsleitungen im Südraum von Leipzig. Foto: Stefan Schroeter


Die erneuerbaren Energien bleiben in Ostdeutschland auf Wachstumskurs, berichtet der regionale Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom. Im vergangenen Jahr 2015 seien im eigenen Netzgebiet die Werte bei installierter Leistung, Stromeinspeisung und dem Anteil am Endverbraucher-Absatz erneut gestiegen. Dabei legte die Menge des ins Netz eingespeisten Ökostroms mit einem Plus von 18 Prozent auf 12,4 Milliarden Kilowattstunden besonders deutlich zu. Die wesentliche Ursache dafür ist ein stärkeres Windaufkommen.

Die Vergütung, die der Netzbetreiber für den eingespeisten Strom an die Anlagenbetreiber zahlte, wuchs fast ebenso stark auf 1,5 Mrd. Euro. Die Kosten dafür werden bekanntlich über eine bundesweite Umlage verteilt und überwiegend von kleinen und mittleren Stromkunden aufgebracht.

Der Zubau neuer Ökostrom-Anlagen war etwas weniger stürmisch: Ihre Zahl wuchs um 3,6 % auf 38.491, ihre installierte Leistung um 4,4 % auf 7.532 Megawatt. Das Unternehmen verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Höchstlast im Netzgebiet mit 3.438 MW deutlich niedriger ist.

Die erneuerbare Energiequelle mit der größten installierten Leistung im Mitnetz-Gebiet ist unverändert die Windenergie, die um 5 % auf 4.320 MW zulegte. Etwas geringer fiel das Wachstum der Solarenergie aus, die 2.723 MW erreichte. Bei Biomasse, Wasserkraft und Deponiegas sind die installierten Leistungen dagegen gleich geblieben oder sogar gesunken.


Hoher Ökostrom-Anteil

Der Anteil des Ökostroms am Endverbraucher-Absatz stieg nach Mitnetz-Berechnung auf 85 %. Bei dieser Berechnungsmethode blendet das Unternehmen allerdings den Stromabsatz an Weiterverteiler wie Stadtwerke und Industrieversorger aus, der doch einen wesentlichen Einfluss auf das Gleichgewicht von Stromerzeugung und -verbrauch in einem regionalen Netzgebiet hat. Wird er in die Rechnung einbezogen, lag der Ökostrom-Anteil am gesamten Absatz bei 59 %. Das ist immer noch weitaus mehr als der Ökostrom-Anteil im gesamten Bundesgebiet, der zuletzt 33 % des Brutto-Stromverbrauchs erreichte. Die Bundesregierung strebt derzeit an, diesen Anteil bis 2025 auf 40 bis 45 % auszubauen.

Mitnetz Strom weist darauf hin, dass es zu Netzüberlastungen führen kann, wenn die Einspeiseleistung den Verbrauch deutlich übersteigt. Zudem unterliege die wetterabhängige Erzeugung der erneuerbaren Energien aus Wind- und Fotovoltaikanlagen starken Schwankungen und sei nicht konstant verfügbar. Deshalb seien immer mehr Eingriffe in das Stromnetz nötig, um die Netzstabilität und damit auch die Versorgungssicherheit jederzeit gewährleisten zu können. Im letzten Jahr sei die Stromerzeugung der Einspeiser deshalb 534 Mal reduziert worden, während 2014 erst 188 Eingriffe nötig gewesen seien.

Am häufigsten waren die Netzregionen Brandenburg mit 344 Eingriffen und Sachsen-Anhalt mit 148 Eingriffen betroffen. Im Ergebnis der Netzeingriffe wurden 2015 im Mitnetz-Gebiet insgesamt 175 Gigawattstunden eingespeister Energie aus erneuerbaren Energien abgeregelt. Dies entspricht durchschnittlich 1,4 % des insgesamt eingespeisten Ökostroms.

 

Millionen für das Stromnetz

Um die Verteilnetze für die steigende Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energien umzubauen und zu optimieren, will der Netzbetreiber im laufenden Jahr 2016 mehrere tausend Einzelmaßnahmen im Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetz umsetzen. Insgesamt sollen 304 Mio. Euro für Baumaßnahmen ausgegeben werden, kündigte das Unternehmen an.   Das sind 7 Mio. Euro mehr, als Mitnetz Strom im vorigen Jahr für Investitionen und Aufwendungen im Stromnetz eingeplant hatte. Welche Summe es dann 2015 tatsächlich für Baumaßnahmen in seinem Netzgebiet ausgegeben hat, war auf Anfrage nicht zu erfahren.

Bei den Um- und Ausbaumaßnahmen will der Netzbetreiber verstärkt auf neue und intelligente Netztechnologien setzen. Dazu gehören  regelbare Trafostationen im Mittel- und Niederspannungsnetz, Hochtemperatur-Leiterseile und autonome Sensoren zur Zustandsüberwachung von Freileitungen im Hochspannungsnetz. Hochtemperatur-Leiterseile haben im Vergleich zu herkömmlichen Leiterseilen eine höhere Betriebstemperatur von bis zu über 200 Grad Celsius. Damit können sie größere Strommengen transportieren. Mitnetz Strom setzt bislang auf Leitungsabschnitten von 60 Kilometer Länge solche Hochtemperatur-Leiterseile ein.

Regelbare Ortsnetz-Transformatoren können Schwankungen der Netzspannung bei zunehmender und abnehmender Stromeinspeisung besser ausgleichen als herkömmliche Trafostationen. Das Unternehmen plant 2016, in seinem Netzgebiet 20 regelbare Ortsnetz-Transformatoren zu installieren. Derzeit erprobt es für Pilotstudien drei solche Anlagen.

Noch in der Forschungsphase befindet sich das Autonome Sensornetzwerk zur Zustandsüberwachung von Freileitungen (Astrose) im Hochspannungsnetz. In einem Pilotprojekt dazu hat Mitnetz Strom ein zwölf Kilometer langes Teilstück der  Hochspannungsleitung zwischen Harzgerode und Rieder im Landkreis Harz mit Sensoren ausgerüstet. Sie messen die Temperatur der Leitungen sowie den Abstand der Leiterseile zum Boden und übertragen die Daten in die Netzleitstelle. Das soll es ermöglichen, Leistungsreserven für den Stromtransport zu erkennen, die Auslastung der Freileitung zu optimieren und dabei ihre Sicherheit zu gewährleisten. Mit den ersten Ergebnissen dieses Pilotprojekts hatte das Unternehmen ursprünglich zum Jahresende 2015 gerechnet. Da es zu Verzögerungen kam, soll die Auswertung nun zum Jahresende 2016 erfolgen.


Plan für den Netzausbau

Neben der Optimierung des Netzes hält das Unternehmen weiterhin einen raschen Netzausbau für notwendig. Die Grundlage dafür ist der „Netzausbauplan Ost“, auf den sich die größten ostdeutschen Verteilnetzbetreiber im Jahr 2013 geeinigt hatten. Dieser gemeinsamen Ausbauplan für das Hochspannungsnetz wurde 2015 angepasst. Vorgesehen ist nun, dass Mitnetz Strom im Zeitraum von 2015 bis 2025 insgesamt 390 Kilometer Hochspannungsleitungen neu baut oder verstärkt sowie zehn Übergabe-Umspannwerke zum Höchstspannungsnetz neu baut oder erweitert.

Mitnetz Strom ist nach eigenen Angaben der größte regionale Verteilnetzbetreiber Ostdeutschlands und für Planung, Betrieb und Vermarktung des Stromverteilnetzes seiner Muttergesellschaft Enviam verantwortlich, die wiederum zum RWE-Konzern gehört. Das Stromverteilnetz hat eine Länge von 74.000 Kilometern und erstreckt sich über Teile der Bundesländer Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Zum Jahresende 2015 waren 1.823 Mitarbeiter und Auszubildende bei dem Netzbetreiber beschäftigt. Das sind 138 mehr als zum Jahresende 2014. Diesen Mitarbeiter-Zuwachs erklärte er auf Anfrage mit dem „Netzausbau und Netzbetrieb im Zuge der Energiewende“ sowie „neuen Aufgaben des Verteilnetzbetreibers (wie zum Beispiel Smart Meter)“. Wahrscheinlich ist außerdem, dass sich eine Ausweitung der Geschäfte zum Jahresanfang 2015 ebenfalls auf die Mitarbeiterzahl auswirkte.  Zu diesem Zeitpunkt hatte Mitnetz Strom den Chemnitzer Industriepark-Versorger ILH Netz, das Stromnetz am Standort Schwarze Pumpe / Spreetal und die Betriebsführung für den Strombereich des Industriepark-Versorgers EVIP in Bitterfeld-Wolfen übernommen.

Angaben zu Umsatz und Gewinn im Geschäftsjahr 2015 machte das Unternehmen auf Anfrage nicht. Die letzten verfügbaren Zahlen stammen daher aus dem Jahr 2014. Damals hatte Mitnetz Strom mit 1.396 Mitarbeitern und 289 Auszubildenden einen Umsatz von 2,4 Mrd. Euro und einen Gewinn von 73 Mio. Euro erwirtschaftet.


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