Die im sächsischen Chemnitz ansässige envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) ist der größte Regionalversorger in den neuen Bundesländern. Im Interview spricht der Vorstandsvorsitzende Prof. Karl-Heinz Klawunn über ein scheinbar schlechteres Geschäftsjahr 2006, Netzentgelte und den Wettbewerb. 04/2007

karl-heinz_klawunnHerr Professor Klawunn, auf den ersten Blick sieht das Geschäftsergebnis für enviaM im Jahr 2006 schlechter aus als im Vorjahr. Erst auf den zweiten Blick wird sichtbar, dass der Rückgang bei Stromabsatz, Umsatz und Jahresergebnis auf zahlreiche Sondereffekte zurückzuführen ist. Was sagt denn Ihre  bereinigte Sicht auf das Geschäftsjahr aus?


Nach dem neuen Energiewirtschaftsgesetz haben wir die Erlöse aus erneuerbaren Energien von etwa 250 Mio. Euro nicht mehr in der enviaM-Bilanz bilanziert, sondern bei unserer Tochter envia Netz. Wenn wir das bereinigen, sind die Umsatzerlöse leicht angestiegen. Mit dem Bescheid der Bundesnetzagentur mussten wir ab 1. Oktober unsere Netzkosten anteilig um 12 Prozent senken. Ganzjährig ergibt sich daraus ein Umsatzrückgang bei den Netzentgelten im hohen zweistelligen Millionenbereich. Auch für zukünftige Umstrukturierungen im Netz, die aus dem Kostendruck durch die Regulierung resultieren, haben wir Rückstellungen gebildet. Das hat letzten Endes dazu geführt, dass wir für 2006 einen Jahresüberschuss von 72 Millionen Euro ausgewiesen haben gegenüber einem Jahresüberschuss von 99 Millionen Euro im Jahr 2005.

 

Die sonstigen betrieblichen Aufwendungen sind um 86 Millionen Euro gestiegen. Was verbirgt sich dahinter?

 

Das sind im Wesentlichen die zukünftigen antizipierten Kosten. Unter anderem rechnen wir vor allem bedingt durch die Regulierung mit weiterem Personalabbau und wollen ihn wie in der Vergangenheit so weit wie möglich sozial abfedern.

 

In Sachsen gab es im Jahr 2006 ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent. Inwieweit hat enviaM davon profitiert?


Wachstum bedeutet eine höhere Auslastung in der Produktion. Das wirkt sich zwangsläufig auf den Stromverbrauch aus. Dies gilt nicht nur für Sachsen, sondern auch für Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die zu unserem Netzgebiet zählen. All diese Länder haben 2006 wirtschaftlich zugelegt. Wir haben Absatzsteigerungen bei Weiterverteilern, und zwar insbesondere bei unseren Industriestandort-Versorgern. Aber wir konnten auch weitere Stadtwerke außerhalb unseres Netzgebietes für Stromlieferungen gewinnen, wie die Stadtwerke Rostock. Bei den Privatkunden gab es leichte Absatzverringerungen, ebenso bei den Großkunden. Hier hatten wir Kundenverluste aufgrund der doch sehr starken Wettbewerbsintensität in den neuen Bundesländern. Wir haben ungefähr zehn Prozent unserer Privatkunden seit Beginn der Liberalisierung 1998 verloren. 40 Prozent der Privatkunden haben bei uns günstigere Sondertarife gewählt.

 

Der Strom-Vertriebshandel hat sich halbiert. Was steckt dahinter?

 

Dahinter steckt, dass wir bessere Prognosen haben. Im Vertriebshandel werden ja insbesondere die Mengen gekauft und verkauft, die wir nicht langfristig gesichert haben. Durch die bessere Prognosequalität brauchen wir immer weniger Mengen kurzfristig zu handeln.

 

Im Geschäftskundenvertrieb konnten Sie die Kundenverluste nicht durch Neu- und Reakquisen kompensieren. Woran liegt das, und an wen verlieren Sie Ihre Kunden?

 

Wir haben circa 100 Wettbewerber in unserem Netz, von denen EnBW und Eon am aktivsten sind. Einzelne Wettbewerber sind nach wie vor bereit, Markteintrittsprämien zu zahlen, das heißt Strom unter Marktpreisen anzubieten, um Marktanteile zu gewinnen.

 

Funktioniert der Wettbewerb hauptsächlich über den Preis?

 

Sehr preissensibel sind natürlich unsere energieintensiven Industriekunden. Hier verzeichnen wir die größten Kundenverluste. Unsere Devise ist und bleibt: Wir liefern Strom, aber nicht Strom und Geld. Um im Wettbewerb zu bestehen, setzen wir auf energienahe Dienstleistungen, mit denen die Unternehmen Energie sparen und damit ihre Energiekosten senken können.

 

Mit enviaM vario bieten Sie Ihren Geschäftskunden einen Tarif an, der an die Strompreise der Börse gekoppelt ist. Wie wird dieser Tarif angenommen?

 

Das Produkt wird insbesondere von unseren Industriekunden gut angenommen. Sie profitieren von den Erfahrungen, die wir an der Börse gemacht haben. Verbunden mit energienahen Dienstleistungen bieten wir mit dem Produkt jedem Billiganbieter Paroli.


Wobei das auch riskant sein kann, wenn der Börsenpreis steigt.

 

Nein, denn wir betreiben keine spekulativen Stromgeschäfte. Unser Unternehmen und unsere Kunden sind damit auf der sicheren Seite.

 

Bei der Tochter envia Verteilnetz GmbH sind Verluste von 60 Millionen Euro durch gesenkte Netzentgelte, Rückstellungen für Mastsanierung und den Netzausbau angefallen . Es wäre interessant, die einzelnen Positionen aufzuschlüsseln.

 

Zur Hälfte sind diese Verluste auf die Senkung der Netzentgelte zurückzuführen. Ein Viertel sind den Mehrkosten für das Netzsicherheits-Management, dem Netzausbau nach EEG und unserem Sanierungsprogramm für Stahlmasten zuzurechnen. Das verbleibende Viertel betrifft Rückstellungen.

 

Im Jahr 2005 haben Sie im Hochspannungs-Netz ein Netzsicherheits-System eingeführt, mit dem am 31. Dezember 2006 erstmalig Erzeugungsleistungen reduziert wurden. Was war der Grund dafür, und welche Kraftwerke hat es betroffen?

 

In der Nacht zum 31. Dezember 2006 führte eine langandauernde Starkwindfront in ganz Ostdeutschland zu einem erheblichen Überangebot von Stromeinspeisung durch Windkraftanlagen. Der zuständige Übertragungsnetz-Betreiber Vattenfall Europe Transmission (VE-T) hatte deshalb alle untergeordneten Netzbetreiber aufgefordert, in kürzester Zeit Einspeiseleistung zu reduzieren. Envia Netz musste die Einspeisung um 300 MW abbauen und konnte dies mit dem Netzsicherheits-Management innerhalb weniger Minuten präzise erfüllen. Von den Reduzierungen waren entsprechend den gesetzlichen Vorgaben konventionelle Kraftwerke, Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und EEG-Anlagen betroffen. Eine ähnliche Situation hatten wir im Januar 2007 noch zweimal, als erneuerbare Energien die Hälfte des Stromaufkommens in unserem Netz erreicht hatten.

 

Die Kraftwerksgesellschaft envia Therm hat einen Verlust von 11 Millionen Euro erwirtschaftet. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?

 

Das ist ein bisschen komplex. Envia Therm hat eigentlich einen Gewinn erwirtschaftet. Es gibt aber einige Erzeugungsstandorte, wo die Preise nicht entsprechend den steigenden Kosten für die Primärenergie angehoben werden können. Für die daraus entstehenden Verluste hatten wir bei der Gründung der Gesellschaft Rückstellungen gebildet, die aber steuerlich nicht anerkannt werden. Das ist ein einmaliger Effekt, der im nächsten Jahr nicht mehr auftreten wird.

 

Also wird envia Therm künftig profitabel arbeiten?

 

Ja. Das ist eine Gesellschaft, die sich positiv entwickeln wird. Neben der Erzeugung von Strom und Wärme in konventionellen und regenerativen Kraftwerken bietet envia Therm auch Contracting-Lösungen an. Seit 2007 auch für Biogas. Pilotprojekt ist eine Biogasanlage in Ostrau in Sachsen-Anhalt, die von envia Therm gebaut und betrieben wird. Diese Anlage wird aus Gülle und Mais jährlich 3,5 GWh Strom und 2 GWh Wärme produzieren.


69 Prozent Ihres Stroms beziehen Sie aus den derzeit kostengünstigen Braunkohle-Kraftwerken von Vattenfall Europe. Haben Sie dadurch einen Wettbewerbsvorteil?

 

Unsere Strombeschaffung erfolgt zu Marktpreisen. Auch für die Verträge mit Vattenfall Europe gilt dies. Wenn die Braunkohle-Kraftwerke kostengünstig arbeiten, ist das eine schöne Sache für Vattenfall, aber nicht für uns.


Ihre Bezugspflicht für Vattenfall-Strom ...

 

... gibt es nicht mehr. Wir haben mit Vattenfall Europe einen Rahmenvertrag, der bis Ende 2011 läuft. Wir wollen auch künftig Strom aus der Region beziehen, aber er muss zu wettbewerbsfähigen Preisen angeboten werden. Sonst würden wir Marktanteile verlieren.

 

Für Rechtsstreitigkeiten mit der Bundesanstalt für vereinigungsbedingtes Sondervermögen haben Sie in den vergangenen beiden Jahren insgesamt 27 Mio. Euro zurückgelegt. Worum geht es dabei eigentlich?

 

Es geht sogar um weitaus mehr. Der Rechtsstreit resultiert aus der Gasabspaltung zu Beginn der 1990er Jahre. Die DDR-Kombinate hatten Strom und Gas im Angebot. Die im Zuge der Privatisierung neu gegründeten Regionalversorger mussten sich für Strom oder Gas entscheiden. Dabei hat sich die BvS vorbehalten, eine Nachbewertung durchzuführen. Bei zwei Stadtwerken, an denen wir beteiligt sind, führt dies zu Nachforderungen von mehr als 50 Mio. Euro. Und obwohl wir der Meinung sind, dass diese Summe illusorisch ist, sind wir verpflichtet, diese in unserer Ergebnisrechnung zu antizipieren.

 

EnviaM soll sich zum Serviceführer unter den Energieversorgungs-Unternehmen entwickeln. Wie nahe sind Sie diesem Ziel gekommen?

 

Wir wollen nicht nur innovative Dienstleistungen und Produkte anbieten, sondern auch Flexibilität, Schnelligkeit und Freundlichkeit. Unter anderem soll das gesamte Vertragswesen kundengerechter gestaltet werden. Mit einem Franchisesystem, das wir gemeinsam mit regionalen Installateuren betreiben, wollen wir näher an unsere Kunden heran. Wir haben drei Filialen eingerichtet, in denen unsere Partner ihre und unsere Produkte und Dienstleistungen anbieten. Dazu zählen auch zahlreiche energieeffiziente Anwendungen wie Wärmepumpen und Solardächer. 2007 sind drei weitere Filial-Eröffnungen geplant.

 

Für Kommunen haben Sie einen Energieeffizienz-Fonds aufgelegt, mit dem Energie sparende Projekte in Kommunen mit jeweils 2 000 Euro gefördert werden sollen. An welche Projekte denken Sie dabei?

 

Bis jetzt haben 100 Kommunen ihre Projekte eingereicht. Dabei geht es unter anderem um eine effektivere Straßenbeleuchtung, Wärmedämmung von Fassaden und Nutzung von Photovoltaik -Anlagen. Mitte Aprill entscheidet eine Jury, welche Projekte gefördert werden. Wir geben dabei nicht nur die 2 000 Euro. Sondern wir analysieren die Projekte auch, bewerten sie und unterstützen die Kommunen bei der Umsetzung.

 

Im August gehen Sie in den Ruhestand. Welche Pläne haben Sie dafür?

 

Ich war knapp 30 Jahre in der Energiewirtschaft, von denen die 11 Jahre in den neuen Bundesländern die interessantesten waren. Im Ruhestand möchte ich mich stärker meiner Professur für Unternehmensführung an der Hochschule Mittweida widmen. Ich freue mich ferner darauf, in Ruhe Biografien historischer Persönlichkeiten zu lesen, von denen ich eine Anzahl besitze. Darüber hinaus möchte ich mehr Golf und Tennis spielen. Natürlich werde ich enviaM verbunden bleiben. Aber nicht über einen Beratervertrag oder Mandate in Gremien. Es sind, wie ich glaube, bei enviaM gute Grundlagen gelegt worden, auf denen der Vorstand um meinen Nachfolger Carl-Ernst Giesting aufbauen kann.

 

 

enviaM 2006

Stromabsatz: 17 585 GWh (-13%)

Umsatz: 2 247 Mio. Euro(-10%)

Jahresüberschuss: 72 Mio. Euro (-27%)

Mitarbeiter: 2 195 (-18)

Auszubildende: 367 (+6)

 

Professor Karl-Heinz Klawunn

wurde 1948 in Stendal geboren. An der Universität Bochum studierte er Wirtschaftswissenschaften und war ab 1980 in leitenden Positionen bei der RWE AG tätig. 1996 wechselte er als Kaufmännischer Vorstand zur RWE-Tochter EVS AG in Chemnitz. Als die EVS 1999 mit zwei weiteren RWE-Regionaltöchtern zur envia fusionierte, stieg Klawunn zum Vorstandssprecher auf. 2002 wurde dieses Unternehmen mit der Hallenser Meag zur enviaM vereinigt, deren Vorstandsvorsitzender er seitdem ist.