Die SWL Stadtwerke Leipzig GmbH begegnet einem schrumpfenden Heimatmarkt mit einem stark wachsenden bundesweiten und internationalen Geschäft. Ein Interview mit Geschäftsführer Wolfgang Wille über das beeindruckende Umsatzwachstum im Strom-Großhandel, Kraftwerkspläne und hohe Gaspreise. 04/2007

wolfgang_wille_grossHerr Wille, die Umsätze der Stadtwerke Leipzig im Stromgroßhandel sind im Geschäftsjahr 2006 um 147 Prozent auf 1,118 Mrd. Euro gestiegen. Wie haben Sie das geschafft?

 

Wir haben eine kleine Abteilung, die im Großhandel arbeitet. Sie macht unsere Beschaffung und generiert Produkte, die man an Weiterverteiler, die Industrie und an sonstige Kunden verkaufen kann. Unternehmen wie die Hamburger Wasserwerke oder die Berliner Verkehrsbetriebe gehen zunehmend dazu über, Fahrpläne einzukaufen. Die Stadtwerke Leipzig haben dies in Hamburg und Berlin angeboten und den Zuschlag bekommen.

 

Heißt das, dass Sie mit Ihren Angeboten im Stromgroßhandel, die Sie schon seit Jahren machen, jetzt den Durchbruch geschafft haben?

 

Nein. Im Stromgroßhandel ist ja nicht nur physischer Handel drin. Wir kaufen und verkaufen ja auch an der Börse, wo die Handelsaktivitäten stark gestiegen sind. Unser Kraftwerk haben wir bei hohen Strompreisen hochgefahren und den Strom an der Börse verkauft. Aber Spaß macht auch die physische Lieferung. Die Hamburger Wasserwerke haben wir für die Lieferung von circa 160 GWh Strom bis Ende 2008 gewonnen.

Der Umsatz im Stromgroßhandel ist ein Vielfaches von dem, was Sie in Ihrem angestammten Geschäft in Leipzig umsetzen. Wird Ihnen da manchmal ein wenig schwindlig?

Da wird uns nicht schwindlig. Wir gehen  relativ behutsam voran, indem wir unser Risk Management System exakt auf diese neuen Produkte zuschneiden. Wenn wir in dem Handel nicht tätig wären, könnten wir auch nicht die Portfolio-Optimierung machen: Die Optimierung der Beschaffung des Stroms für unsere Kunden. Das bedarf modernster Methoden.

Sie werben erfolgreich bundesweit um große und mittelständische Stromkunden. Inwieweit werden solche Kunden eigentlich bei Ihnen in Leipzig abgeworben?

In Leipzig haben wir nicht viele Großkunden, die man uns abwerben kann. Durch den Wettbewerb sind unsere Chancen gestiegen. Denn der Markt in Leipzig ist relativ klein, der Markt in Deutschland ist relativ groß.

 


„Was wir physisch handeln, wollen wir mit 30 Prozent Eigenerzeugung unterlegen.“

Sie streben an, künftig 30 Prozent des physischen Strombedarfs in Eigenerzeugung darstellen zu können.

Was wir physisch handeln in den nächsten fünf Jahren, das wollen wir nicht mit 10 oder 15 Prozent Eigenerzeugung unterlegen, sondern mit 30 Prozent. Wenn jetzt jemand 49,9 Prozent der Stadtwerke kaufen möchte und fragt, ob er noch zusätzlich 200 oder 300 MW einbringen könnte zu guten Konditionen, dann wären wir sogar bei 50 oder 60 Prozent. Derzeit haben wir, wenn´s hoch kommt, 20 Prozent.

Sie haben angekündigt, sich an dem Steinkohle-Kraftwerk der Steag in Herne mit bis zu 80 MW zu beteiligen. Haben Sie für die übrigen 120 MW Kraftwerkskapazität, die Sie in den nächsten fünf Jahren erwerben wollen, Prioritäten bei Energieträgern oder Kraftwerkstypen?

Es gibt in Deutschland Kraftwerksprojekte, die in Arbeit sind. In manche kommt man nicht rein, wie bei der Mibrag (Anm.: ein geplantes Braunkohle-Kraftwerk mit 660 MWel). Da kann man drüber spekulieren, dass es schön wäre, in Profen eine Scheibe zu erwerben. Wenn Mibrag sagt, sie will dort einen Partner und kein Konsortium, dann geht das eben nicht. Auch wenn das von der sächsischen Energiepolitik her wünschenswert wäre. Wir haben jetzt Kraftwerke auf Basis von Erdgas und von Biomasse, und künftig vielleicht auf Steinkohle-Basis. Das kann zeitliche Schwankungen bei den Preisen der einzelnen Einsatzstoffe ausgleichen.

Sie haben angekündigt, künftig Gas auch anderweitig einzukaufen als bei Ihrem bisherigen Vorlieferanten VNG Verbundnetz Gas AG. Außerdem wollen Sie sich im Energie-Großhandel auf den Gashandel vorbereiten. Können Sie das etwas genauer beschreiben?


Wir haben mit VNG einen Vollversorgungs-Vertrag für Kommunalgas mit einem Volumen von 40 bis 50 Millionen Euro im Jahr. Derzeit verhandeln wir über einen neuen Bezugsvertrag.

Was planen Sie im Gas-Großhandel?

Unser Großhandel erarbeitet dazu derzeit ein Konzept. Wir waren einer der ersten Stromhändler an der Leipziger Strombörse. Und es könnte sein, dass wir einer der ersten Gashändler an der Gasbörse sein werden.

Die Stadtwerke Leipzig sind zu Anfang des Jahres mit ihren hohen Gaspreisen durch die Presse gegangen. Wie können Sie die Leipziger Kunden halten, wenn die Netzentgelte festgelegt sind und die Kunden wechseln können?

Wir haben 220 Millionen Euro investiert, um das alte Grauguss-Netz abzulösen – soviel wie keiner sonst. Wenn unsere Netzentgelte vom sächsischen Wirtschaftsministerium festgelegt sein werden, werden sie deshalb höher sein als viele andere. Jeder Händler muss dann diese Netzentgelte zahlen. Wir sind als Stadtwerke dann auch Händler, die dieses Netz benutzen und den Kunden Produkte anbieten. Und ich bin zuversichtlich, dass wir wettbewerbsfähige Produkte anbieten können. 

Mit der Wabio-Technologie verfolgen Sie eine sehr ehrgeizige Strategie für die Ressourcen schonende Produktion von Biogas, Strom, Wärme, Ethanol und Dünger aus Biomasse. Die Pilotanlage in Bad Köstritz läuft bisher nur im Teilbetrieb und erfordert zusätzliche finanzielle Mittel. Welche Erfolgsaussichten sehen Sie bei dem Projekt?

Es ist zu früh, um dazu eine klare Aussage zu machen. Die Hoffnung ist, dass das demnächst nicht nur im Teilbetrieb, sondern rund läuft. Dann haben wir einen Vorsprung vor anderen Anlagentechniken. Dann hat man diese Erstanlage sicherlich teurer zum Gehen gebracht als man ursprünglich dachte und auch teurer als zukünftige Anlagen. Dann muss man sehen, wie die Wirtschaftlichkeit ist. Die Preise für Bioethanol sind ja heute besser, als wir sie ursprünglich konzipiert hatten. Und ich bin relativ zuversichtlich, dass die 9 Millionen Euro, die wir aus kaufmännischer Vorsorge zurückgestellt haben, nicht verloren sind.

Insgesamt waren ja 20 Anlagen geplant.

Wenn wir mit plusminus Null bei der ersten Anlage rauskommen und anschließend 19 Anlagen bauen mit den Erfahrungen, die wir bei der ersten Anlage gemacht haben - dann ist das ein erheblicher Anteil unserer Aktivitäten bei erneuerbaren Energien. Ob wir das Vertrauen unserer Gremien dafür gewinnen, wird sich Ende Mai entscheiden.

Ihre polnische Beteiligung GPEC in Gdansk wollen Sie zu einem Querverbund-Versorger mit Strom, Gas und Fernwärme ausbauen. Wie weit sind Sie dabei bisher vorangekommen?

Wir bauen in Danzig zunächst das Geschäftsfeld Energiedienstleistungen aus. Bei der Strom- und Wärmeversorgung ist die Situation wie folgt: Es gibt dort eine Kraftwerksgesellschaft EC Wybrzeze, eine Tochter der Electricite de France, die ein Steinkohle-Kraftwerk mit 273 MW elektrisch in Kraft-Wärme-Kopplung betreibt. Wir haben zwei Jahre lang mit ihnen gesprochen, wie man diese abgeschriebene Anlage ohne Rauchgaswäsche, mit derzeit 900 Mitarbeitern, zukunftsfähig machen kann. EdF hat dann in Paris entschieden, dort bis zum Jahr 2015 nichts zu machen. Wir sind jetzt dabei, eigene Konzepte zu entwickeln.

Im Hafen von Gdansk wäre ein Steinkohle-Kraftwerk denkbar, die künftige Ostseepipeline ist nicht weit...

Wir hatten EdF vorgeschlagen, dort einen 800-MW-Steinkohleblock hinzustellen anstelle dieses alten Kraftwerkes. Wir hätten uns mit 200 MW beteiligt.

Was glauben Sie, wann es eine Entscheidung über das Kraftwerk gibt?

Nach meiner Pensionierung. Am 30.6 endet mein dritter Fünf-Jahres-Vertrag.

 


„Ich habe die Vision, dass die GPEC sich so entwickeln kann wie die Stadtwerke Leipzig“

Sie hatten ja ursprünglich vor, auch das Stromnetz mit in die GPEC einzubinden.

Das haben wir immer noch vor, allerdings nicht in den nächsten zwei,drei Jahren. Ich habe die Vision, dass dieses Unternehmen sich so entwickeln kann wie die Stadtwerke Leipzig, die 1991 auch als reiner Wärmeverteiler begonnen haben und heute ein Multi Utility sind. Dafür gibt es einen Grundkonsens in der Danziger Stadtpolitik. Die Zusammenarbeit mit Partnern, was Erzeugung angeht und später Strom- und Gasnetze, wird vorbereitet. Das ist nicht einfach, weil sich die Strukturen immer wieder ändern und Vorstände wechseln.

Ihre Beteiligungen um Gdansk herum wollten Sie um eine Mehrheitsbeteiligung an der Fernwärme-Versorgung im benachbarten Sopot ausbauen. Hat das geklappt, und welches Wachstumspotenzial sehen Sie dort?

Vor wenigen Monaten hat die GPEC 60 Prozent der Anteile der Fernwärme-Gesellschaft in Sopot für rund eine Million Euro gekauft. Damit sind wir jetzt mit der Fernwärme-Versorgung in zwei Städten der Dreistadt Gdansk, Sopot und Gdynia vertreten, mit insgesamt einer Million Einwohnern. Das ist nach Warschau die am dynamischsten wachsende Region in Polen. Perspektivisch wollen wir aber Gdynia auch mit Fernwärme versorgen.

Mit der Strategie, einem schrumpfenden Heimatmarkt durch überregionales und internationales Wachstum zu begegnen, sind die Stadtwerke Leipzig eine Ausnahme-Erscheinung unter den ostdeutschen Energieversorgern. Werden sie es bleiben?


Ich habe die Zuversicht, dass es so bleibt. Es gibt in Leipzig einen Konsens, dass die Expansion der Stadtwerke richtig ist. Es ist auch gesichert, dass für die Privatisierung von 49,9 Prozent der Stadtwerke nur Investoren in Frage kommen, die unsere bisherige Strategie mittragen.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach dem 30.6.?

Ich werde mich mehr um meine Partnerin kümmern und einen längeren Urlaub machen. Mir liegen mehrere Anfragen vor, in Beiräte oder Aufsichtsräte zu gehen, von denen ich einige annehmen werde. Außerdem habe ich vor, als Berater weiter in der Energiewirtschaft zu arbeiten.


Wolfgang Wille

wurde 1943 in Sindelfingen geboren. Der Jurist begann seine berufliche Laufbahn 1973 als Assistent des Geschäftsführers bei der Saarberg Fernwärme GmbH, wo er 1990 zum Geschäftsführer aufstieg. 1990 und 1991 war Wille am Aufbau von Stadtwerken in Ostdeutschland beteiligt. Seit November 1991 ist er Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig GmbH.