Das Stromnetz des Regionalversorgers Enviam ist einmal dafür geschaffen worden, Strom aus wenigen Großkraftwerken an die Abnehmer zu verteilen. Jetzt muss es ausgebaut werden, damit es den Strom aus vielen verstreuten Öko-Kraftwerken aufnehmen und zu den Verbrauchern transportieren kann. 29/08/2011


Das Umspannwerk Taucha wird gemeinsam von Enviam und dem Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz Transmission betrieben. Es verbindet das Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetz der Stadt Leipzig und des Umlandes von Leipzig mit dem überregionalen Höchstspannungsnetz. Foto: Stefan Schroeter



Der Regionalversorger Enviam Mitteldeutsche Energie warnt vor Standortnachteilen, die durch den starken Ausbau erneuerbarer Energien in seinem Versorgungsgebiet entstehen können. „Wir haben heute schon um 20 bis 30 Prozent höhere Netzentgelte als in den alten Bundesländern“, sagte Vorstandschef Carl-Ernst Giesting Ende August bei einem Journalisten-Workshop in Taucha bei Leipzig. „Durch die notwendigen Investitionen in den Netzausbau wird der Unterschied noch größer werden.“


Die Enviam-Tochter envia Verteilnetz betreibt Hoch-,  Mittel- und Niederspannungs-Netze in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das EEG Erneuerbare Energien Gesetz verpflichtet den Netzbetreiber, Ökostrom-Anlagen vorrangig und unverzüglich an seine Stromnetze anzuschließen. Außerdem muss der EEG-Strom vorrangig in die Netze eingespeist werden. Wenn die Leitungen zu schwach dafür sind, hat der Netzbetreiber sie auf Verlangen unverzüglich zu optimieren, zu verstärken und auszubauen. „In den nächsten zehn Jahren werden wir eine Milliarde Euro in das Netz stecken müssen, um den Strom aufnehmen und entsorgen zu können“, sagte Giesting.


Im Netzgebiet von Enviam sind schon sehr viele EEG-Anlagen gebaut worden, besonders im Süden Sachsen-Anhalts. Dort haben die Biomasse-, Solar- und Windkraftanlagen nach Angaben des Unternehmens schon 2009 so viel Strom erzeugt, dass sie 66 Prozent des „Letztverbraucher-Absatzes“, also des regionalen Stromverbrauchs, decken konnten. Im Bundesdurchschnitt lag dieser Anteil erst bei 16 Prozent.


Wenn Giesting davon spricht, den umweltfreundlich erzeugten und deshalb vom Gesetzgeber privilegierten EEG-Strom zu „entsorgen“, klingt eine gebremste Begeisterung deutlich durch. Sie resultiert möglicherweise aus dem tiefgreifenden Strukturwandel, den das starke Wachstum des Ökostroms bei dem Regionalversorger verursacht.


Denn früher bezogen Enviam und seine Vorgänger-Unternehmen ihren Strom aus wenigen Großkraftwerken. Die Stromnetze bauten sie so, dass sie diesen gleichmäßig erzeugten Strom mit möglichst geringen Verlusten und hoher  Versorgungssicherheit an die Abnehmer durchleiten konnten. Wo viel Strom erzeugt und verbraucht wurde, dorthin legten sie starke Leitungen.


Jetzt ist alles anders. Denn die Ökostrom-Investoren errichten ihre Windparks und Solaranlagen nicht unbedingt dort, wo das Netz schon gut ausgebaut ist. Sondern sie suchen sich Standorte, an denen viel Wind weht, die Sonne oft scheint und große Flächen günstig verfügbar sind. Hinzu kommt, dass die Stromerzeugung aus Sonne und Wind stark schwanken kann. Ein Netzbetreiber, der seinen Kunden den Strom mit stabiler Frequenz liefern will, muss damit einen größeren Aufwand für das Netzmanagement betreiben.


Dabei werden die Ökostrom-Anlagen immer größer. 2007 baute Juwi in Brandis bei Leipzig das damals größte Solarkraftwerk der Welt mit 40 Megawatt Spitzenleistung. Wie Enviam-Netzexperte Jens Zeidler berichtete, plant Juwi inzwischen in Brandenburg ein Solarkraftwerk mit 300 MW Spitzenleistung.


In den Gegenden, wo solche Anlagen gebaut werden, leben mitunter wenig Menschen und gibt es kaum Fabriken, die den dort erzeugten Strom verbrauchen können. Also muss der Netzbetreiber die vorhandenen Leitungen verstärken, um den Ökostrom aufnehmen und in die großen Verbrauchszentren transportieren zu können.


Dazu plant Enviam, in den nächsten Jahren 12 Abschnitte für Hochspannungsleitungen mit 110 Kilovolt zu bauen. Damit der Strom besser aus dem Regionalnetz ins vorgelagerte Höchstspannungsnetz mit 220 und 380 kV eingespeist werden kann, will das Unternehmen außerdem sieben Umspannwerke verstärken oder neu bauen.


Wenn das EEG einen „unverzüglichen“ Netzausbau verlangt, so wird dies von der Wirklichkeit stark abgeschwächt: „Durch die öffentlich-rechtlichen Genehmigungsverfahren können wir unsere Netze nicht so schnell ausbauen, wie wir wollen“, sagte Zeidler.


Daher kommt es im Enviam-Netz immer wieder zu Netzengpässen, bei denen mehr Strom erzeugt wird, als die Leitungen transportieren können. In solchen Fällen sieht das EEG vor, dass zuerst fossile Kraftwerke heruntergefahren werden. Reicht das nicht aus, kann der Netzbetreiber auch die Einspeisung aus EEG-Anlagen reduzieren. Die Anlagenbetreiber werden dann für die entgangenen Stromerlöse entschädigt.



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