In den ostdeutschen Bundesländern sind die weitaus meisten Bürger dafür, die Energiewirtschaft umzubauen. Den Kommunen mangelt es noch an Energiekonzepten, und bei energieintensiven Unternehmen ist die Skepsis unbegründet groß. 21/03/2012



Ostdeutsche Bürger erwarten von der Energiewende, dass die Strompreise steigen und das Landschaftsbild sich massiv verändert – wie hier bei Bernburg. Foto: Stefan Schroeter



Die Bürger in Ostdeutschland akzeptieren die Energiewende und die damit verbundenen Ziele. Dies ist das zentrale Ergebnis der Studie „Energiewelt Ost“, die das Kompetenzzentrum für Öffentliche Wirtschaft und Daseinsvorsorge der Universität Leipzig gestern gemeinsam mit dem regionalen Energieversorger Enviam vorstellte. „Trotz der prinzipiell hohen Zustimmung zur Energiewende von Bürgern, Kommunen und zum Teil auch Unternehmen werden die Auswirkungen durchaus kritisch gesehen. Alle rechnen mit einem Anstieg der Strompreise und mit massiven Veränderungen im Landschaftsbild“, so Thomas Lenk, Direktor des Kompetenzzentrums.

Der Studie zufolge sind 81 Prozent der telefonisch befragten 1.650 Haushalte für den Umbau der Energieversorgung. Nur 53 % von ihnen sind allerdings bereit, sich am Ausbau erneuerbarer Energien selbst finanziell zu beteiligen, indem sie beispielsweise eine eigene Solaranlage installieren oder sich an einem Bürger-Windpark beteiligen. Lenk führte dies zum einen auf mangelnde Geldmittel zurück. Zum anderen meinten viele der Befragten, dass eine solche Investition sich für sie aus Altergründen nicht mehr lohnt. Hier machen sich wohl das gegenüber dem Bundesdurchschnitt geringere Einkommensniveau und die angespannte demografische Situation in Ostdeutschland bemerkbar.

Die Zustimmung der Bürger sinkt weiter bis auf 49 %, wenn es darum geht, Anlagen für erneuerbare Energien in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu errichten. Im Ländervergleich sind hier vor allem die Sachsen zurückhaltend, während Brandenburger und Berliner sich etwas aufgeschlossener zeigen. Die meisten Sympathiepunkte sammelten Wasserkraft- und Solarstrom-Anlagen vor Windkraft und Biogas. 

Die Autoren der Studie erkundeten per Fragebogen auch die Meinungen von 700 ostdeutschen Kommunen, die mindestens 3.000 Einwohner haben. 126 Städte und Gemeinden füllten ihn aus und äußerten ähnlich zustimmend wie die Bürger: 69 % stehen hinter der Energiewende. Am wichtigsten ist ihnen dabei, dass Versorgungssicherheit und Bürgerakzeptanz gewahrt bleiben.

Fast drei Viertel der Kommunen sind bereit, eigene Anlagen für erneuerbare Energien zu installieren und so selbst Strom zu erzeugen. Dabei bevorzugen sie eindeutig einzelne Solaranlagen auf kommunalen Gebäuden. Als erstaunliches Ergebnis der Umfrage bezeichnete Lenk es, dass 60 % der Kommunen noch nicht über ein mittel- und langfristiges Energiekonzept verfügen.

Energieintensive Unternehmen in den neuen Bundesländern, von denen 133 ebenfalls einen standardisierten Fragebogen erhielten, sehen den aktuellen Wandel kritischer: Nur 37 % der  27 Unternehmen, die den Fragebogen ausfüllten, befürworten die Neuausrichtung der Energiepolitik. Preisstabilität und Versorgungssicherheit sind für sie beim Umbau der Energieversorgung außerordentlich wichtig. Letztere sehen 74 % der Unternehmen gefährdet. Als Gründe werden fehlende Netze, Kraftwerke und Speicher genannt.

Zwar erwarten die Betriebe, dass Deutschland durch die Energiewende eine weltweite Vorreiterrolle einnehmen wird. Doch gehen sie gleichzeitig davon aus, dass die Bundesrepublik als Wirtschaftsstandort geschwächt wird. Eine Mehrzahl sieht aufgrund der Veränderungen Arbeitsplätze gefährdet; für einige ist auch die Verlegung von Unternehmensteilen ins Ausland vorstellbar. Viele Firmen planen den Einsatz effizienter Technologien zur Einsparung von Energie.

Von dieser hohen Skepsis der energieintensiven Unternehmen zeigte sich Enviam-Vorstandschef Carl-Ernst Giesting überrascht. Er erinnerte daran, dass die Bundesregierung die Unternehmen mit hohem Stromverbrauch inzwischen von den Netzentgelten befreit hat. Eine Entlastung gebe es für sie auch durch gesunkene Preise im Strom-Großhandel. „Energieintensive Unternehmen werden nicht wirklich Schaden nehmen durch die Energiewende“, sagte Giesting voraus.

Eine ähnliche, bundesweit angelegte Studie hatten zuletzt auch TNS Infratest und die Agentur für Erneuerbare Energien vorgestellt. Darin sprachen sich sogar 95 % der befragten Bürger für den Ausbau erneuerbarer Energien aus.



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