Mehr als ein Viertel des Stroms, der in Ostdeutschland und Hamburg verbraucht wird, stammt aus erneuerbaren Energien. Der Übertragungsnetz-Betreiber 50Hertz greift deshalb zunehmend zu „Redispatch“ und Ökostrom-Drosselung. 26/03/2012


Im Umspannwerk Bad Lauchstädt beginnt die Südwest-Kuppelleitung, deren Verlauf durch den Thüringer Wald umstritten ist. Foto: 50Hertz



Im Gebiet des Übertragungsnetz-Betreibers 50Hertz gibt es erstmals mehr erneuerbare als konventionelle Kraftwerks-Kapazitäten. Die Anlagen zur Stromerzeugung aus regenerativen Quellen hätten Ende 2011 eine installierte Leistung von 16.700 Megawatt erreicht, sagte Vorstandschef Boris Schucht Mitte März bei der Bilanz-Pressekonferenz. Konventionelle Kraftwerke kämen auf 13.000 MW. „Das heißt, die Regelzone von 50Hertz ist die Region mit der höchsten volatilen Energieeinspeisung auf der ganzen Welt“, so Schucht. 28 Prozent des Stroms, der in der Regelzone verbraucht werde, stammten bereits aus erneuerbaren Energien. Das Unternehmen betreibt die 380/220-Kilovolt-Leitungen in Ostdeutschland und Hamburg, die Großkraftwerke, regionale und städtische Netze miteinander verbinden.

Der hohe Anteil schwankender Stromeinspeisung vor allem aus Windkraft und Fotovoltaik wirkt sich zunehmend auf den Stromexport nach Süddeutschland aus. Deshalb musste der Netzbetreiber im vergangenen Jahr an 213 Tagen zum sogenannten „Redispatch“ greifen, bei dem moderne, kostengünstige Kraftwerke in der eigenen Regelzone heruntergefahren werden. Im Südwesten werden dann ältere, teurere und häufig auch ineffizientere Kraftwerke hochgefahren. „Das ist eine Maßnahme, um eine Leitung zu entlasten, die ansonsten überlastet würde“, sagte Schucht. Auf diese Weise sei im vergangenen Jahr eine  Strommenge von 3.846 Mio. Kilowattstunden abgeregelt worden, was Kosten von 101 Mio. Euro  verursacht habe. Diese Mengen würden weiter sehr stark ansteigen, kündigte der Vorstandschef an.


Um Netzüberlastungen zu vermeiden, musste 50Hertz im Jahr 2011 außerdem an 45 Tagen erneuerbare Anlagen anweisen, ihre Produktion zu drosseln. Dadurch seien  45 Mio. kWh Ökostrom nicht erzeugt worden, hieß es. Dieses Instrument werde immer als allerletztes Werkzeug zur Systemstabilisierung angewendet. Seine häufigere Anwendung  zeuge nicht nur von der regelmäßig sehr angespannten Situation im elektrischen System, sondern verdeutliche auch die Dringlichkeit eines raschen Ausbaus des Netzes in Richtung der Verbrauchszentren im Süden und Westen Deutschlands. Auch hier steigen die Mengen: In den ersten Monaten des Jahres 2012 wurde bereits die gleiche Menge Ökostrom abgedrosselt wie im ganzen Jahr 2011.


Um sein Höchstspannungs-Netz weiter auszubauen, hat 50Hertz im Jahr 2011 die Investitionen in den Netzausbau gegenüber dem Vorjahr um 39 Prozent auf 245 Mio. Euro erhöht. Vor allem der Anteil für die Netzanbindung von Offshore-Windparks nahm mit 130 Mio. Euro deutlich zu. Der Umsatz des Unternehmens wuchs um 25 Prozent auf 6,88 Mrd. Euro. Als Haupttreiber dafür wurden die Erlöse aus dem Erneuerbare- Energien-Geschäft genannt, die einen ergebnisneutralen durchlaufenden Posten darstellen. Das Ergebnis nach Steuern sank 2011 um 22 % auf 44,5 Mio. Euro. Als wesentliche Ursache nannte das Unternehmen den stark erhöhten „Redispatch-Einsatz“ zur Stabilisierung des elektrischen Systems, speziell an windstarken Tagen.


Das Unternehmen hat 2011 nach eigener Einschätzung wesentliche unternehmerische Meilensteine erreicht. So seien der erste kommerzielle Offshore-Windpark Deutschlands EnBW Baltic 1 in der Ostsee angeschlossen, die neue Netzsteuerungs-Warte „Transmission Control Centre“ in Neuenhagen bei Berlin eröffnet, und bei einigen wichtigen Netzausbauprojekten weitere Etappen in den Genehmigungsverfahren erreicht worden.


So hatte das Thüringer Landesverwaltungsamt im April 2011 das Raumordnungs-Verfahren für den dritten Abschnitt der umstrittenen sogenannten Südwest-Kuppelleitung abgeschlossen, die von Halle/Saale durch den Thüringer Wald zur bayerischen Landesgrenze führen soll. Für den zweiten Abschnitt der Südwest-Kuppelleitung zwischen Vieselbach und Altenfeld hat das Amt im Februar 2012 die nächste Genehmigungsstufe, das Planfeststellungs-Verfahren, beendet. Dagegen hat es allerdings Klagen gegeben, so dass 50Hertz mit Verzögerungen rechnet. Der erste Abschnitt von Bad Lauchstädt nach Vieselbach ist bereits seit 2008 in Betrieb.


Für ein weiteres Projekt, die 380-kV-Freileitung Neuenhagen – Wustermark – Hennigsdorf im Norden Berlins, schloss das Brandenburger Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft im August 2011 ebenfalls ein Raumordnungs-Verfahren ab.



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