Der russisch-ukrainische Gasstreit hat zu einem Lieferstopp für russisches Erdgas auf dem ukrainischen Transitweg nach Europa geführt. Während es in mehreren ost- und mitteleuropäischen Ländern zu Engpässen bei der Gasversorgung kam, konnten deutsche Versorger auf andere Lieferanten und auf ihre Untergrundspeicher zurückgreifen. 01/2009

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Im Streit um den Preis für Erdgaslieferungen im Jahr 2009 und um Zahlungsrückstände hat der halbstaatliche russische Konzern OAO Gasprom am 1. Januar die Lieferungen an Kunden im Nachbarland Ukraine vollständig eingestellt. In den Folgetagen verlagerten Gasprom und der staatliche ukrainische Öl- und Gaskonzern NAK Naftogas Ukrainy ihre Auseinandersetzungen auf den Transit russischen Erdgases nach Mittel- und Westeuropa, der zu vier Fünfteln über die Ukraine erfolgt. Dabei machten sich beide Kontrahenten gegenseitig für die allmählich sinkenden Erdgasmengen verantwortlich, die im Transit durch das Pipelinesystem der Ukraine in die westlichen Nachbarländer transportiert wurden. Am Mittwoch kam der Transit durch die Ukraine schließlich vollkommen zum Erliegen. Zwar kündigte Gasprom an, zusätzliche Erdgasmengen durch Leitungen zu pumpen, die über Belarus und Polen sowie durch das Schwarze Meer in die Türkei führen. Diese Leitungen verfügen allerdings über eine wesentlich geringere Transportleistung als das ukrainische Pipelinesystem. Außerdem will Gasprom seine Kunden aus europäischen Gasspeichern und mit kurzfristig im Gashandel eingekauften Mengen beliefern.

 

Dennoch führte der Lieferstopp im ukrainischen Erdgas-Transit in mehreren europäischen Ländern zu Engpässen bei der Gasversorgung. So schränkte der slowakische Gasversorger SPP die Lieferung an Großkunden auf ein Minimum ein. Der tschechische Gasversorger Transgas kann die Versorgung dagegen weiter mit Gas aus Norwegen und aus Untergrundspeichern gewährleisten. Ähnlich ist die Situation beim österreichischen Versorger OMV. In Österreich wird allerdings schon darüber diskutiert, notfalls den Gasverbrauch von großen Industrieunternehmen zu Spitzenverbrauchszeiten einzuschränken.


Auch in Deutschland kam am Mittwoch kein russisches Erdgas mehr über die südliche Transportroute an. So meldete der Leipziger Importeur VNG Verbundnetz Gas einen kompletten Lieferausfall an der tschechisch-deutschen Grenzübergangs-Station Sayda im Erzgebirge. „Damit fehlen uns dort etwa acht Millionen Kubikmeter Erdgas", erklärte Vorstandschef Klaus-Ewald Holst. „Diese Menge gleichen wir zur Hälfte durch zusätzliche Lieferungen über die Jamal-Leitung aus." Die Jamal-Leitung transportiert russisches Erdgas über Belarus und Polen nach Deutschland. Zwanzig Prozent der fehlenden Menge bekommt VNG laut Holst von anderen Lieferanten aus Norwegen und Deutschland. „Den Rest nehmen wir aus unseren Speichern." Sie seien gut gefüllt, würden auch bei den derzeit niedrigen Temperaturen erst mit der Hälfte ihrer Leistung beansprucht und könnten die Versorgung der VNG-Kunden für mindestens zwölf Wochen sichern.


Auch der Kasseler Importeur Wingas erhält jetzt mehr Erdgas über Jamal. Das Unternehmen bezieht ohnehin den weitaus größeren Teil seines russischen Erdgases über diesen nördlichen Transportweg. Hinzu kommen gut gefüllte Speicher und alternative Bezugsquellen. Versorgungsengpässe für die eigenen Kunden schloss Wingas aus. „Die Wohnzimmer bleiben warm", versicherte Geschäftsführer Gerhard König.


Auch Eon Ruhrgas erhielt am Mittwoch kein Erdgas mehr an der tschechisch-bayerischen Grenzlieferstation Waidhaus, wo normalerweise russisches Erdgas aus dem Ukraine-Transit eintrifft. Aufgrund der Erdgasspeicher und des breiten Bezugs-Portfolios sei die Versorgung der Kunden jedoch gesichert, erklärte Vorstandschef Bernhard Reutersberg. Ruhrgas bezieht sein Erdgas zu 26 Prozent aus Russland und wird außerdem von Norwegen, den Niederlanden sowie aus deutschen Quellen beliefert.


Anlass des russisch-ukrainischen Streits um Erdgaslieferungen und Transitleistungen ist vor allem, dass der russische Konzern Gasprom bei der Belieferung der Ukraine mit Erdgas einen möglichst schnellen Übergang zu europäischen Marktpreisen anstrebt. Die Ukraine, die aus historischen Gründen stark von russischem Erdgas abhängig ist, sträubt sich dagegen. Auch den bisherigen Preisanstieg von 50 US-DOllar je 1 000 m³ im Jahr 2005 auf knapp 180 US-Dollar bis 2008 hatte Gasprom nur mit zeitweiligen Lieferkürzungen Anfang 2006 und im März 2008 durchsetzen können. Für 2009 verlangte Gasprom 250 US-Dollar, während die Ukraine 210 US-Dollar anbot. Hinzu kam, dass die Ukraine mit der Bezahlung des 2008 importierten Erdgases im Rückstand war. Inzwischen hat sie einen Großteil der von Gasprom geforderten Summe überwiesen. Von einer Einigung in der Preisfrage sind beide Seiten weiter entfernt als zuvor: Gasprom hat seine Forderung inzwischen auf 450 US-Dollar hochgeschraubt. Das entspricht dem Preis, den deutsche Gasimporteure im Oktober 2008 durchschnittlich für Import-Erdgas gezahlt haben. Allerdings dürfte dieser europäische, an Ölnotierungen gebundene Preis in den kommenden Monaten stark sinken.


Im Oktober 2008 hatten sich Russland und die Ukraine noch prinzipiell darauf geeinigt, bei Erdgaslieferungen und beim Erdgastransit innerhalb von drei Jahren schrittweise zu Marktpreisen überzugehen. Die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko und ihr russischer Kollege Wladimir Putin unterschrieben damals in Moskau ein entsprechendes Memorandum. Darin war außerdem vorgesehen, dass Gasprom und Naftogas zu direkten Lieferbeziehungen übergehen. Bisher erfolgen die russischen und mittelasiatischen Erdgaslieferungen über russisches Territorium in die Ukraine über ein kompliziertes System von Zwischenhändlern.


Der starke Preisanstieg für Importerdgas hat in der Energiewirtschaft der Ukraine bereits zu großen Schwierigkeiten geführt, die von der aktuellen Finanzkrise weiter verschärft wurden. Die kommunalen Versorger können die Preissteigerungen offensichtlich nicht an ihre Kunden weitergeben und verschulden sich bei ihren Vorlieferanten. Naftogas berichtet auch über nicht sanktionierte Gasentnahmen von Großkunden, denen der Gashahn wegen Zahlungsrückständen zugedreht wurde.







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