Im Gebiet des regionalen Stromnetz-Betreibers Mitnetz gibt es einen starken Ausbau von Ökostrom-Kraftwerken. Ihre schwankende Stromeinspeisung ist beherrschbar, doch das Systemsicherheits-Management wird schwieriger.



Im Mitnetz-Gebiet gibt es einen starken Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, wie hier in einem Windpark bei Naumburg in Sachsen-Anhalt. Foto: Stefan Schroeter



Wenn Hanjo During über die Energiewende spricht, teilt er das deutsche Bundesgebiet in drei Großräume ein. Dem Nordwesten ordnet der Manager der Mitnetz Mitteldeutsche Netzgesellschaft eine hohe Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien zu. Dieser Strom wird vorrangig in die Netze eingespeist und zu festgelegten Entgelten nach dem EEG Erneuerbare Energien Gesetz vergütet. Der deshalb nötige Netzausbau und die EEG-Bearbeitungskosten verursachten hohe Kosten für die Bevölkerung, sagte During auf dem Sicherheitssymposium der Mitnetz-Muttergesellschaft Enviam und des Technischen Hilfswerks Anfang September in Leipzig.  


In Süddeutschland verortet During vor allem hohe Lasten – was in der Sprache der Energiewirtschaft einen hohen Stromverbrauch bedeutet. Dort gebe es perspektivische Überlegungen, Lasten abzuschalten, sagte der Mitnetz-Manager. Das heißt, Industrieunternehmen müssen zeitweise ihren Stromverbrauch begrenzen, damit die allgemeine Stromversorgung gesichert bleibt. In diesem Großraum verortet During gleichzeitig eine niedrige EEG-Stromerzeugung, wodurch der Netzausbau-Bedarf und damit auch die dafür anfallenden Kosten für die Bevölkerung gering seien.


In Ostdeutschland dagegen macht er eine geringe Last aus, die einer hohen EEG-Stromerzeugung gegenübersteht. „Das führt dazu, dass wir nicht Lasten, sondern Erzeugung abschalten müssen.“  Es gebe einen starken Netzausbau-Bedarf und sehr hohe Kosten dafür sowie für die EEG-Bearbeitung. Auch in Zukunft müssten die Verteilnetze der Region große EEG-Strommengen aufnehmen, um sie in das überlagerte Netz zu transportieren, das wiederum den Weitertransport durch ganz Deutschland übernehme.


Mitnetz weist für sein Netzgebiet, das sich über weite Teile von vier ostdeutschen Bundesländern erstreckt, Zahlen vor, die auf den ersten Blick sehr beeindruckend sind. 2011 habe EEG-Strom hier einen Anteil von 50 Prozent am Endkundenverbrauch erreicht, berichtete During. Dabei seien über eine Milliarde Euro für die EEG-Einspeisung ausgezahlt worden. „Wir erwarten, dass wir 2020 einen Wert von 100 Prozent erreichen.“ Bei dieser Rechnung lässt Mitnetz allerdings Weiterverteiler wie Stadtwerke unberücksichtigt, an die Mitnetz große Strommengen liefert, die ebenfalls an Endkunden verkauft werden. Würden sie einbezogen, wäre der EEG-Stromanteil im Mitnetz-Gebiet deutlich niedriger.


Eine ähnlich begrenzte Aussagekraft haben wahrscheinlich die Zahlen, die During beim Vergleich der installierter EEG-Leistung mit der maximalen Verbrauchslast im Mitnetz-Gebiet präsentierte. Hier stehen derzeit 6.000 MW gegen 3.800 MW. Doch auch dabei müssten die Stadtwerke einbezogen werden, um ein realistisches Bild zu erhalten. Denn in den Städten können kaum EEG-Großanlagen gebaut werden. Sie verbrauchen aber einen großen Teil des Ökostroms, der in der Region erzeugt wird.

Jedenfalls stellt sich Mitnetz bereits auf einen weiteren starken Zubau von Windkraft und Fotovoltaik ein. Nach den Prognosen des Unternehmens könnte die Einspeiseleistung aus EEG-Anlagen, zu denen auch Biomasse und Wasserkraft zählt, bis 2022 fast 12.000 MW erreichen. Das ist mit zunehmenden Herausforderungen beim Netzausbau und bei der Systemstabilität verbunden.


Um das Stromnetz stabil zu halten, betreibt Mitnetz gemeinsam mit dem vorgelagerten Übertragungsnetz-Betreiber 50Hertz ein Systemsicherheits-Management. Dabei zeigt eine Ampel drei Zustände der Netzstabilität: Grün steht für Normalbetrieb, wenn Stromerzeugung und -verbrauch auf gleichem Niveau sind. Bei Gelb ist die Netzstabilität gefährdet, weil zu viel oder zu wenig Strom eingespeist wird. Dann müssen EEG-Anlagen abgeschaltet oder Regelenergie eingesetzt werden. Bei Rot hat diese Situation schon zu einem teilweisen oder totalen Ausfall des Stromnetzes geführt, die Stromversorgung muss wieder aufgebaut werden. „Wenn immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, besteht die große Herausforderung für alle Beteiligten darin, dass wir die rote Ampel nie sehen, und dass wir die gelbe Ampel sicher händeln können“, sagte During. „Und dass wir uns trotzdem auf eventuelle Gefahrensituationen vorbereiten.“


Bisher hat es bei Mitnetz noch keine Stromausfälle gegeben, die von der schwankenden Einspeisung von Ökostrom verursacht worden wären. Die jährlich etwa 1.000 Störungen im Mittelspannungsnetz werden immer noch wie gewohnt durch Bauarbeiten, Unwetter oder technische Defekte ausgelöst. Wie am 4. Januar 2010, als ein Mittelspannungs-Umspannwerk in Oberlungwitz abbrannte. Bis die Techniker den Schaden nach 20 Stunden beheben konnte, wurden die Kunden über andere Umspannwerke rollierend, also abwechselnd für jeweils zwei Stunden mit Strom versorgt.


Schwierig war dabei die Kommunikation, berichtete Dirk Hollmach, Leiter Netzführung bei der Mitnetz-Schwestergesellschaft Envia Netzservice. „Der Kunde, der nach einer Störung wieder Strom hat, rechnet nicht damit, dass er nach zwei Stunden wieder abgeschaltet wird.“ Das Resultat waren kritische Presseberichte, und auch die örtliche Rettungsleitstelle fand die Kommunikation des Versorgers verbesserungswürdig. Auch wenn wie im Sommer 2011 eine Gewitterfront durch das Netzgebiet zieht und danach 60.000 Kunden keinen Strom mehr haben, reicht die herkömmliche Kommunikation per Telefon nicht mehr aus.


Für die Muttergesellschaft Enviam, eine regionale Tochter des RWE-Konzerns, waren das Gründe, ein automatisiertes System für die Störungskommunikation aufzubauen. Dieses System, das seit Anfang des Jahres im Einsatz ist, übermittelt Störungsinformationen per Email an die Rettungsleitstellen und per Kurznachricht an die Kommunen des betreffenden Gebiets. „Dieses System ist eine sinnvolle Ergänzung unserer bisherigen Verfahrensweise“, lautet Hollmachs Fazit. „Es löst selbstverständlich nicht die bilaterale Kommunikation ab.“ In einem nächsten Schritt soll das System nun auch auf Mobilfunkanbieter ausgeweitet werden, um ihnen zu helfen, ihre Netze bei Stromausfällen funktionsfähig zu halten.



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