Eigentlich gibt es genügend konventionelle Kraftwerke und Stromleitungen, um die schwankende Stromerzeugung aus Sonne und Wind auszugleichen. Doch die Prognose- und Regelsysteme der Netzbetreiber sind noch nicht auf die großen Mengen des unstetigen Ökostroms eingestellt. 


Windkraft im Stromnetz – eine Kombination, die für Hochspannung sorgt. Foto: Stefan Schroeter


Die großen Mengen Solar- und Windstrom führen in den deutschen Übertragungsnetzen zu bisher unbekannten Überraschungen. Darüber berichtete Boris Schucht, Geschäftsführer des ostdeutschen Übertragungs-Netzbetreibers (ÜNB) 50Hertz Transmission, Ende April auf dem Ostdeutschen Energieforum in Leipzig. So hätten die Wetterdienste für den 3., 4. und 5. April eine Solarstrom-Leistung von 12.000 bis 18.000 Megawatt für Deutschland vorhergesagt. Dann habe sich sehr kurzfristig herausgestellt, dass diese Prognosen komplett falsch waren, weil sich eine Hochnebel-Wetterlage bildete. „Da fehlten dann auf einmal 8.800 Megawatt“, sagte Schucht. „Am Mittwoch und Donnerstag hat man die noch ganz gut beschaffen können. Aber am Freitag hatten wir erhebliche Probleme.“

Die verfügbare Regelenergie von 4.500 MW sei vollständig genutzt und Reserveenergie an der Strombörse gekauft worden. Dennoch hätten noch knapp 1.000 MW Leistung gefehlt. „Im Endeffekt haben wir Primär-Regelenergie von unseren Nachbarstaaten bezogen“, berichtete der 50Hertz-Chef. „Die ist aber eigentlich für diesen Fall nicht gedacht.“

Schucht wies darauf hin, dass prinzipiell genügend konventionelle Kraftwerke verfügbar sind, um die schwankende Solar- und Windstrom-Erzeugung auszugleichen. Auch das Netz könne diesen Strom überall hintransportieren. Doch bei den Systemen für Prognosen, Informations- und Datenaustausch sowie bei der Regelbarkeit von erneuerbaren Energien seien die ÜNB noch nicht auf die großen, schwankenden Mengen von Solar- und Windstrom eingestellt. So könne 50Hertz noch nicht, wie bei konventionellen Energien üblich, bei Notfällen in die aktuelle Stromproduktion von Solar- und Windkraftanlagen eingreifen. Die gesetzliche Grundlage dafür sei erst vor anderthalb Jahren geschaffen worden, sagte der 50Hertz-Chef. Und es werde sicher noch einmal so lange dauern, bis sein Unternehmen über die Verteilnetz-Betreiber einen Einfluss auf diese erneuerbaren Energien bekomme.

Eine schwierige Situation gab es Schucht zufolge auch am 25. März, als in Deutschland bis zu 25.000 MW Ökostrom-Leistung ins Netz einspeiste. An diesem Tag seien die Leitungen zwischen Remptendorf in Thüringen und Redwitz in Bayern sowie von Vierraden in Brandenburg nach Krajnik in Polen für mehrere Stunden überlastet gewesen. Die Situation sei noch beherrschbar gewesen, weil die Leitungen normalerweise mit einem Sicherheitspuffer betrieben werden. „Wir handeln uns dann aber auch viel Ärger mit unseren Nachbarländern ein, weil eben der Strom nicht nur durch die Leitungen in Deutschland fließt, sondern genauso durch die Leitungen in Polen und Tschechien“, so der 50Hertz-Chef. „Ganz klar merken wir, dass unsere Nachbarn in Polen und Tschechien nicht unbedingt gewillt sind, diese ungeplanten Lastflüsse dauerhaft hinzunehmen.“

Diese ungeplanten Lastflüsse sind nach seinen Worten die Ursache dafür, dass die grenzüberschreitenden Leitungen zwischen Deutschland und Polen für den Stromhandel blockiert sind. „Die Polen sehen, wenn der Wind weht, immer den günstigen deutschen Windstrom. Der fließt auch durch ihr Land und durch Tschechien nach Süddeutschland. Sie können ihn aber nicht kaufen.“ Für Deutschland sei mit diesem Stromfluss ein ökonomischer Vorteil von 400 bis 500 Millionen Euro verbunden. Schucht zufolge will Polen daran beteiligt werden.