Die Modernisierung der russischen Stromproduktion in Großkraftwerken ist in Gang gekommen, deutsche Unternehmen sind daran aktiv beteiligt. Neue Regelungen sollen nun auch eine Perspektive für die dezentrale Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien eröffnen. 04/2008


Leitstand groß



Die Gasturbine im Heizkraftwerk Moskau-City II wummert aus nächster Nähe ohrenbetäubend. „Das ist das Herz des Kraftwerks“, ruft Stanislaw Gyndenow im Turbinen-Container durch den Lärm hindurch. Genau genommen hat das Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk (GuD) sogar zwei Herzen: zwei Siemens-Gasturbinen SGT-800 mit je 45,6 MW Leistung, die mit einer Dampfturbine SST-700 mit 30 MW des gleichen Herstellers gekoppelt sind. Die deutschen Aggregate befinden sich in gut gemischter internationaler Technik-Gesellschaft, wie der Hauptingenieur berichtet: Die Generatoren kommen von der Schweizer ABB Ltd., die Abhitzekessel aus dem tschechischen Werk der französischen Alstom SA, während Kondensator und Spitzenlastkessel von russischen Herstellern gefertigt wurden.


Moskau-City II hat der russische Kraftwerksbau-Konzern OAO Technopromexport im Auftrag der Stadtverwaltung gebaut, besitzt und betreibt es auch. Den erzeugten Strom speist das Kraftwerk mit bis zu 121 MWel Leistung in das Netz des Hauptstadtversorgers OAO Mosenergo, die Wärme von bis zu 238 MWth liefert es an das nahe, noch im Bau befindliche Geschäftszentrum Moskau-City. Derzeit baut Technopromexport außerdem den Block Moskau-City I mit 117 MWel und 139 MWth mit Alstom-Turbinen, der im September in Betrieb gehen soll. Auch ein dritter und ein vierter Block sind geplant.


Der Neubau- und Modernisierungsbedarf in der russischen Stromwirtschaft ist nach einer langen Zeit des Stillstands gewaltig. Allein Mosenergo setzt derzeit ein Neubauprogramm für 4 000 MW Kraftwerkskapazität in den Jahren von 2007 bis 2011 um und will dieses Tempo auch danach beibehalten. Der landesweite Stromkonzerns RAO Unified Energy System (UES) setzt seit 2006 ein Kraftwerks-Bauprogramm um, nach dem bis 2010 Kraftwerksblöcke mit insgesamt 29 000 MW entstehen sollen. „Die ersten Blöcke sind in Betrieb gegangen“, erklärte UES-Vorstand Juri Udalzow auf der Kraftwerksmesse Russia Power im April 2008. Es gebe keinen Zweifel, dass die anderen Blöcke auch gebaut würden. Gleichzeitig kündigte er an, dass der russische Strommarkt bis zum Jahr 2011 vollständig liberalisiert werden soll. Beides erfolgt allerdings nicht mehr unter UES-Regie, da sich der Konzern nach Abschluss der tief greifenden Stromreformen zum 1. Juli 2008 selbst auflöst.



Zehn baugleiche GuD-Blöcke mit Siemens-Turbinen


Die Privatisierung von 20 der 21 Kraftwerksgesellschaften, die während der Reform gebildet wurden, ist mittlerweile nahezu abgeschlossen. Unter den zahlreichen in- und ausländischen Investoren sind auch die deutschen E.ON AG und RWE AG. Nicht nur die russischen Kraftwerksbauer, die jahrelang vor allem im Ausland beschäftigt waren, haben wieder alle Hände voll zu tun. Auch ausländische Technologiekonzerne sind gut im Geschäft - wie die deutsche Siemens AG mit ihren russischen Partnern: Seit dem Jahr 2000, als der erste GuD-Block mit Siemens-Turbinen in St. Petersburg in Betrieb ging, haben sie allein vier baugleiche GuD-Anlagen mit je 450 MW errichtet. „Dabei sind jeweils zwei Gasturbinen des Typs SGT5-2000E mit einer Dampfturbine gekoppelt“, berichtete Peter Zogler, Verkaufsdirektor für fossile Kraftwerkstechnik in den GUS-Staaten. Eine fünfte solche Anlage in St. Petersburg sei fertig und werde den Dauerbetrieb aufnehmen, sobald sie ständig mit Brennstoff versorgt werden könne. Weitere fünf derartige GuD sollen in den nächsten eineinhalb Jahren in Betrieb gehen. Wichtigster Siemens-Partner ist dabei der in St. Petersburg ansässige Kraftwerksbau-Konzern OAO Silowyje Maschiny (SM), der die 168 MW starke SGT5-2000E in Lizenz fertigt. An diesem Unternehmen sind die Deutschen mit einer Sperrminorität und einer weitgehenden Technologie-Partnerschaft beteiligt.


Angesichts des hohen Turbinenbedarfs in Russland und der bisher begrenzten Fertigungskapazitäten will SM die Fertigung von derzeit jährlich sechs bis acht Turbinen ausbauen. „Es gibt bereits einen Investitionsbeschluss für ein neues Werk in St. Petersburg, das die bestehenden Werke ersetzen wird“, sagte Thomas Vitting, früherer Leiter der Gasturbinen-Entwicklung bei Siemens und heutiger Direktor für Gasturbinen bei SM. „Mittelfristig sollen dort jährlich etwa 20 Gasturbinen mit insgesamt 4 000 MW Leistung gebaut werden.“ Für Dampfturbinen sei eine jährliche Leistung von 5 000 MW geplant. Dazu kommen Hydroturbinen und alle zugehörigen Generatoren mit insgesamt 2 000 MW.


Mittlerweile setzt Siemens in Russland auch die 286 MW starke Gasturbine SGT5-4000F ein, wie bei der Modernisierung des Dampfturbinen-HKW Kirischi südlich von St. Petersburg. Hier wird unter SM-Federführung in einem der sechs 300-MW-Blöcke der bestehende gasgefeuerte Dampfkessel gegen zwei SGT5-4000F ausgetauscht, die Dampfturbine modernisiert ein weiterer SM-Partner. Durch diesen Umbau soll die Leistung des Kraftwerksblocks auf 800 MW, der Wirkungsgrad von bisher maximal 40 auf bis zu 58 Prozent steigen. „Kirischi ist eine wichtige Referenz für weitere Umrüstungen bestehender Anlagen“, erklärte Zogler. Denn gasgefeuerte Kraftwerke mit Kessel und Dampfturbine sind in Russland weit verbreitet. Entsprechend groß ist das Modernisierungs-Potenzial.


Gute Perspektiven bietet auch die Verstromung von Erdöl-Begleitgas, das bei der Ölförderung anfällt und bisher noch in großem Maßstab abgefackelt wird. Russland hat sich das Ziel gestellt, dieses Gas bis 2011 vollständig zu nutzen. So baut die Ölgesellschaft OAO Rosneft an der sibirischen Lagerstätte Priobskoje ein GuD-Kraftwerk für das Begleitgas, für dessen erste Ausbaustufe Siemens drei Gasturbinen SGT-800 liefert.


Mit dem Einsatz des Begleitgases hat sich der Schweizer Kompressor-Spezialist Enerproject SA ein wachsendes Geschäftsfeld erschlossen. Das Unternehmen baut Kompressorstationen mit 100 bis 3000 kW Leistung, die in Sibirien und im Norden Russlands zur Druckerhöhung in Gaskraftwerken dienen oder Begleitgas über 10 bis 100 km zu Raffinerien pumpen. „Dabei bereiten wir das Erdöl-Begleitgas in eigenen Filter- und Gasbehandlungsanlagen selbst soweit auf, dass es in den Gasturbinen der Kompressorstation einsetzbar ist“, berichtete Präsident Remo Ferretti. Enerproject ist in Russland seit fünf Jahren aktiv und liefert schon 70 Prozent seiner Produktion hierher.


Das Russland-Geschäft wächst auch für die Berliner IWG Isolier Wendt GmbH, die unter anderem Hochtemperatur- und Schallisolierung für Gasturbinen anbietet. „Meistens gehört die Isolierung zum Lieferumfang des Turbinenherstellers, manchmal bestellt der Endkunde sie selbst“, erzählte Geschäftsführerin Karoline Beck. Montiert werde die Isolierung gemeinsam mit der Turbine im Kraftwerk. Nach Becks Beobachtung sind durch die Privatisierung der Kraftwerksgesellschaften und durch das Streben nach möglichst weitgehender einheimischer Fertigung die Entscheidungsprozesse bei den Kunden schwieriger geworden. „Aufgrund der hohen Materialpreise in Osteuropa ist es jedoch für russische Kunden durchaus wirtschaftlich, nach wie vor in Deutschland einzukaufen“, argumentierte die IWG-Geschäftsführerin.


Gute Chancen sehen auch die Anbieter von Kühltechnik für Großkraftwerke wie die SPX Cooling Technologies GmbH aus Ratingen und die GEA Energietechnik GmbH (GEA-Et)aus Herne. Beide sind seit zwei Jahren wieder in Russland aktiv und bearbeiten inzwischen mehrere Aufträge für Neubau, Modernisierung und Instandhaltung von Kraftwerks-Kühlanlagen. Reimund Gatzke, GEA-Et-Direktor Geschäftsentwicklung, hielt sich mit Aussagen über konkrete Projekte zurück. SPX-Vertriebsmanager Bernhard Makarowski ließ durchblicken, dass ein Auftrag für die Modernisierung eines mehr als 30 Jahre alten Kühlturms in einem Steinkohle-Kraftwerk östlich von Moskau bearbeitet werde. „Insgesamt haben wir für 2008 Aufträge im Wert von 15 bis 20 Mio. Euro in Russland, Ukraine, Belarus und Kasachstan akquiriert“, sagte Makarowski.



Motoren für Notstrom und manchmal auch für BHKW


Viele Investoren wollen sich in Russland nicht mehr allein auf das Stromnetz verlassen und rüsten ihre Gebäude mit dieselbetriebenen Notstrom-Aggregaten aus. Auch in der Moskauer Metro, die bei einem Stromausfall im Mai 2005 teilweise lahmgelegt war, werden derzeit solche Ersatz-Stromerzeuger eingebaut. Die dabei verwendeten Motoren kommen von der MTU Friedrichshafen GmbH, deren Regionalmanager Dieter Weber insgesamt eine anziehende Nachfrage aus der russischen Energiewirtschaft feststellt. MTU-Motoren treiben auch mobile Stromerzeugungsanlagen, die russische und westliche Aggregatebauer in die Öl- und Gasförderregionen liefern. „Das Geschäft mit Gasmotoren für Blockheizkraftwerke fangen wir an“, berichtete Weber.


Ein Partner dabei ist der Moskauer Kleinkraftwerks-Spezialist Awtonomny Energoservis (AES), der laut Geschäftsführer Wassili Beljakow in den vergangenen drei Jahren zehn BHKW errichtet hat. „Unsere Kunden sind dort, wo es keinen Strom gibt“, erklärte er. So baute AES im vergangenen Jahr für ein Tiefkühl-Lager bei Moskau ein Erdgas-BHKW mit 3,5 MWel, 5 MWth und 2 MW Kälteleistung. Die Gasmotoren kamen dabei vom spanischen Hersteller Guascor S.A., die Absortionskälte-Anlage vom japanischen Hersteller Sanyo. Auch ein kleines Hotel unweit der russischen Hauptstadt hat AES gemeinsam mit dem niederländischen Partner Sandfirden Technics BV mit einem Mini-BHKW mit 200 kWel und 200 kWth ausgerüstet. Das Hauptgeschäft macht AES allerdings mit Dieselgeneratoren, für BHKW sind die Bedingungen in Russland bisher nicht günstig. So wäre der Anschluss an das Stromnetz teurer als der Kraftwerksbau selbst. „Während in Europa die BHKW parallel zum Stromnetz arbeiten und überschüssigen Strom ins Netz einspeisen, gibt es das in Russland praktisch nicht“, so Beljakow.


Dabei liegen in Russland durchaus Erfahrungen mit dezentraler Energieerzeugung vor. So baut die St. Petersburger ZAO Inset seit 20 Jahren Kleinwasserkraftwerke in den autonomen Gebieten Kabardino-Balkarien und Baschkirien sowie im nahen und fernen Ausland. Auf der Russia Power präsentierte Generaldirektor Jakow Bljaschko die Konzepte seines Unternehmens, in vier weiteren autonomen Republiken 77 Kleinwasserkraftwerke mit insgesamt 370 MW zu bauen. Bljaschko geht davon aus, dass sich die Bedingungen für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in Russland bald deutlich verbessern: Das Gesetz über die Stromwirtschaft wurde bereits um Passagen ergänzt, in denen die Unterstützung erneuerbarer Energien durch direkte Subventionen, den Netzanschluss und spezielle Einspeise-Vergütungen festgehalten ist. Derzeit wird an den Ausführungsbestimmungen gearbeitet. „Es gibt eine Perspektive für die Nutzung erneuerbarer Energien in Russland“, sagte Bljaschko.