Der Branchenverband der Energiewirtschaft will die Betreiber neuer Ökostrom-Anlagen zur Direktvermarktung verpflichten und günstigere Marktbedingungen für konventionelle Kraftwerke einführen. Andere Energieexperten setzen sich auch für eine ausgewogene Kostenverteilung ein.


In den vergangenen Jahren sind Solaranlagen und Windparks stark ausgebaut worden, wie hier in Brehna bei Bitterfeld. Die Kosten und Vorteile dieses Ausbaus sind sehr ungleich verteilt. Foto: Stefan Schroeter


Der BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft strebt eine Umgestaltung des deutschen Strommarktes an. „Wir brauchen ein neues Marktdesign“, sagte Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller gestern beim Enviam-Energiekonvent in Leipzig. Zur Begründung führte sie vor allem die derzeit wirtschaftlich schwierige Lage konventioneller Kraftwerke an, die nach ihrer Ansicht noch lange Zeit für eine zuverlässige Stromversorgung gebraucht werden. Für das neue Marktdesign hat der Branchenverband ein eigenes Konzept erarbeitet. Es sieht eine grundlegende Reform des EEG Erneuerbare Energien Gesetzes und günstigere Marktbedingungen für konventionelle Kraftwerke vor.

Bei der EEG-Reform will BDEW die Betreiber neuer Ökostrom-Anlagen dazu verpflichten, ihren Strom direkt zu vermarkten. Dabei sollen sie neben den Einnahmen aus dem Stromverkauf zusätzlich eine sogenannte „gleitende Marktprämie“ erhalten. Bisher wird Ökostrom überwiegend mit festen, für 20 Jahre garantierten Einspeisetarifen vergütet. Für eine alternative Direktvermarktung können sich die Anlagenbetreiber derzeit noch freiwillig entscheiden. Außerdem sieht das BDEW-Konzept vor, die bisher zeitlich befristete Förderung des Ökostroms umzustellen auf eine Förderung, die auf bestimmte Strommengen begrenzt ist. Damit soll es keinen Anreiz mehr geben, Strom bei negativen Börsenpreisen einzuspeisen. Außerdem strebt der Verband an, den Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit dem Ausbau des Netzes zu synchronisieren.

Die Marktbedingungen für konventionelle Kraftwerke will BDEW so gestalten, dass sie  künftig auch ihre Reservekapazitäten als eigenes Angebot vermarkten können. Dabei sollen gesicherte Kapazitäten von Kraftwerken in Form sogenannter Versorgungssicherheits-Nachweise auf einem dezentralen, wettbewerblich organisierten Leistungsmarkt gehandelt werden können. „Das ist ein Markt, in dem Versorgungssicherheit einen Preis bekommt“, sagte Müller.

Dieses Konzept wird weitgehend auch vom Öko-Institut unterstützt. Sein Energieexperte Felix Christian Matthes sprach sich außerdem dafür aus, die Rolle der Strombörse EEX European Energy Exchange zu stärken und den Markt für Kohlendioxid-Zertifikate einzubeziehen. Holger Krawinkel, Energieexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, hält dagegen ein Auktionsmodell mit Mengensteuerung für die beste Form, die steigenden Kosten für den Ökostrom-Ausbau beherrschbar zu halten. „Die Netzbetreiber könnten Ausschreibungen für erneuerbare Energien organisieren“, sagte der Verbraucherschützer. Damit sei auch eine regionale Steuerung des weiteren Ausbaus möglich.

Beim Blick auf die Kosten zog Krawinkel einen Vergleich mit Dänemark, wo Ökostrom nach seinen Worten bereits mit 40 Prozent zur Stromversorgung beiträgt. Dies habe dort nur zu Mehrkosten von 1,5 Cent je Kilowattstunde geführt. In Deutschland dagegen liege die EEG-Umlage, die mit dem Strompreis bezahlt wird, inzwischen bei 5,3 Cent und werde demnächst wohl um weitere 1,1 Cent steigen. Der Verbraucherschützer führte diese hohen Ökostrom-Kosten vor allem auf die bisherige kostenorientierte Vergütungsstruktur des EEG zurück. „Wir als Stromkunden in Deutschland zahlen die Technologieentwicklung“, sagte er. Das betreffe vor allem die Solaranlagen.

Matthes lenkte den Blick auf die Tatsache, dass größere Unternehmen in den vergangenen Jahren zunehmend von der EEG-Umlage befreit worden sind und damit die Kosten für die verbleibenden Stromkunden stark anstiegen. Eine Kostenentlastung stromintensiver Unternehmen hält er zwar für gerechtfertigt. In den vergangenen Jahren sei  dies aber auch extrem auf andere Unternehmen ausgeweitet worden. Ohne diese ausgedehnte Privilegierung könnte die EEG-Umlage seiner Ansicht nach um mehrere Cent geringer sein. „Das ist der Bereich, in dem die Politik über Stellschrauben verfügt“, sagte der Wissenschaftler.

Zu den stromintensiven Branchen gehört die Stahlindustrie. Der Präsident ihrer Wirtschaftsvereinigung, Hans Jürgen Kerkhoff, erkannte zwar an, dass die von ihm vertretenen Unternehmen jährlich mit mehreren hundert Millionen Euro von der EEG-Umlage entlastet werden. Er räumte indirekt auch ein, dass sie von den niedrigen Strombörsen-Preisen profitieren, die durch den starken Ausbau der erneuerbaren Energien gesunken sind. Das sei aber kein Zeichen für eine Entlastung seiner Branche, meinte Kerkhoff. „Wir müssen uns an den Kosten der Konkurrenz messen“, so der Industrielobbyist. Dabei scheint die deutsche Stahlindustrie derzeit gut dazustehen: Kerkhoff hatte zuvor selbst berichtet, dass sich diese Branche in Deutschland zuletzt deutlich besser entwickelt hat als in den anderen europäischen Ländern.

Dazu passt wohl ein Satz von Krawinkel: „Wir brauchen eine strengere Politik, die für Ausgewogenheit sorgt und nicht einzelnen Interessengruppen nachgibt, die einen großen Einfluss entfalten können.“

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