Die Stadtwerke Leipzig GmbH hat im September die Gaspreise erhöht – wie viele andere Gasversorger auch. Ein Interview mit Geschäftsführerin Dr. Anke Tuschek und Peter Lintzel, Bereichsleiter für Großhandel und Erzeugung, über die Gründe für die Preiserhöhung, über neue Wege der Gasbeschaffung und künftige Möglichkeiten für Preissenkungen. 09/2008


Peter Lintzel, Anke Tuschek groß


Frau Dr. Tuschek, Herr Lintzel, bei bundesweiten Preisvergleichen zählen die Stadtwerke Leipzig zu den Unternehmen, die im höheren Bereich liegen. Jetzt gibt es eine Preiserhöhung von 13 Prozent in der Grund- und Vollversorgung. Wie haben Ihre Kunden darauf reagiert?


Tuschek: Dass wir bundesweit zum höheren Preissegment gehören, stimmt so nicht. Es kommt darauf an, welche Kriterien Sie heranziehen. Wenn Sie sich an das halten, was die Verbraucherzentralen empfehlen, und alle Anbieter rausstreichen, die mit Vorkasse arbeiten, wenn Sie Fixpreise einbeziehen und eine Bindung von einem Jahr nehmen, dann kriegen Sie ein ganz anderes Bild. Nämlich, dass wir mit unseren Gaspreisen im Wettbewerbsvergleich für Leipzig gut sind.



„Die Kunden fragen gezielt nach einem Bestpreis.“


Wie kommt es dann, dass Sie in unabhängig erstellten bundesweiten Preisvergleichen immer schlechter abschneiden als in Ihren eigenen Preisvergleichen?


Tuschek: Das liegt daran, dass die Kollegen unsere Grundversorgung, zu der wir gesetzlich verpflichtet sind, mit Vorauskasse-Angeboten beispielsweise von Teldafax vergleichen. Dazwischen liegen natürlich Welten. Da soll man doch bitte unseren Bestpreis in den Vergleich einbeziehen. Da gibt es für ein Jahr einen nach oben fixen Preis. Sollten sich in der Zwischenzeit Entlastungen ergeben, bekommt sie der Kunde auch. Das ist ein System, das unsere Kunden verstanden und angenommen haben. Auch im Zusammenhang mit der aktuellen Gaspreisbewegung haben wir bemerkt, dass die Kunden gezielt nach einem Bestpreis fragen.


Wieviele Kunden haben seit der angekündigten Preiserhöhung einen Bestpreis abgeschlossen?


Tuschek: Das wünschen sich unsere Wettbewerber, dass wir Ihnen das erzählen. Beim Bestpreis reden wir insgesamt über deutlich mehr als 70 Prozent unserer Kunden.


Ihre aktuelle Preiserhöhung haben Sie begründet mit den internationalen Preissteigerungen für Gas. Nun beziehen Sie ja überwiegend Gas von Ihrem Vorlieferanten VNG. Hat die VNG Ihnen gegenüber auch die Preise um 13 Prozent erhöht?


Tuschek: Unser Einkaufsvertrag Gas, wie auch die Möglichkeiten, frei Gas einzukaufen, hängen immer von diesen internationalen Rohstoffpreisen ab. Die Ölpreise sind die Leitwährung in unseren Verträgen. Inzwischen haben wir uns von dem hundertprozentigen Bedarfsdeckungs-Vertrag verabschiedet. Das ist ja durch die Rechtsprechung deutlich befördert worden.


Wieviel von Ihrem Bedarf beziehen Sie jetzt von der VNG?


Linzel: Wir haben zum 1. September im vergangenen Jahr mit VNG einen neuen Vertrag mit vier Jahren Laufzeit und einer Bedarfsdeckung von 50 bis 80 Prozent abgeschlossen. Über den Vertrag ziehen wir etwas mehr als 50 Prozent. Den Rest kaufen wir am freien Markt zu.


In welchem Maß ist in Ihrem VNG-Vertrag der Gaspreis vom Ölpreis abhängig, und in welchem Maß von anderen Energieträgern?


Lintzel: Haben Sie bitte Verständnis, dass unsere Verträge Vertraulichkeitsklauseln enthalten.


Nun heben Sie Ihre Preise um durchschnittlich 13 Prozent an. Als Kunde würde ich dann fragen, ob das Gas denn im Einkauf wirklich soviel teurer geworden ist. Verlangt jetzt die VNG von Ihnen auch 13 Prozent mehr?


Tuschek: Jedes Unternehmen bestimmt seine Preiskalkulation für sich. Also: Wir geben nicht jede Preiserhöhung zeitgleich und nicht in derselben Höhe weiter. Gerade weil wir in Leipzig so einen ausgeprägten Wettbewerb haben. Wenn mein Wettbewerber mit seinen 100 Kunden, die er sich hier erarbeitet hat, sagt, ich verzichte jetzt mal auf die aktuelle Preisrunde, dann entsteht ein Loch. Und dann ist es eine klare Abwägung: Wieviel Marge verliere ich, weil ich nicht die gesamte Beschaffungskosten-Steigerung weitergebe. Oder wieviel Kunden verliere ich, wenn ich Beschaffungkosten weitergebe, die Wettbewerber dies aber nicht tun.


Geben Sie mehr als die Beschaffungskosten-Steigerung weiter, oder weniger?


Lintzel: Die Bezugsverträge ändern sich in jedem Quartal. Und in jedem Quartal werden ölpreisabhängig die Preise vom Vorlieferanten angepasst. Wir geben das so an unsere Endkunden nicht weiter. Sondern ein- maximal zweimal im Jahr, wenn die Preissteigerungen relativ groß sind. Auch die letzten Preiserhöhungen der VNG vom 1. Juli und vom 1. Oktober geben wir nicht im vollen Umfang an unsere Kunden weiter. Das liegt unter anderem daran, dass wir zu Zeitpunkten, als es noch etwas günstiger war, auf dem Großhandelsmarkt Mengen eingekauft haben.


Wenn Sie quartalsweise Preisrunden mit VNG haben, können Sie dann noch verhandeln?


Lintzel: Nein, das ist in Preisgleitklauseln festgelegt. Basis ist die Veröffentlichung der Ölpreise vom Statistischen Bundesamt, und die fließen in die Bezugspreise ein. Das ist eine schlichte Rechenaufgabe.


Spielt dabei nur Öl eine Rolle, oder auch Braunkohle, Steinkohle, erneuerbare Energien?


Lintzel: Kommunalgas (Gas zur Versorgung von Einzelkunden – d. A.) wird üblicherweise mit anderen Energien gemessen, mit denen auch geheizt werden kann. Und die Alternative zu Gas, die dann auch in solche Verträge einfließt, ist im Regelfall leichtes Heizöl. Erneuerbare Energien, beispielsweise Holzpellets, spielen noch keine Rolle.


Über den VNG-Vertrag hinaus kaufen Sie auch auf dem Großhandelsmarkt ein. Auf welchen Handelsplätzen sind Sie da unterwegs?


Litzel: Der liquideste Handel findet im Marktgebiet von E.ON Gastransport statt. Dort kaufen wir das Gas und transportieren es ins Marktgebiet von Ontras, in dem wir uns befinden. Es gibt daneben noch etwas Handel bei BEB und ganz wenig bei Ontras. Wir nutzen dabei drei bis vier Broker-Plattformen und haben inzwischen mit knapp 20 Lieferanten Rahmenverträge, auf deren Basis wir das Gas einkaufen können. Das ist ähnlich wie bei Strom, mit einem Unterschied: Im Moment können wir auf dem Gas-Großhandelsmarkt nur Standardprodukte einkaufen. Im wesentlichen Base (Grundlast – d. A.) für Tage, Wochen und Monate. Deshalb ist es wichtig, dass wir den Vertrag mit VNG noch haben. Weil wir mit ihm auch Verbrauchsschwankungen ausgleichen können.



„Der Handel an der Gasbörse ist nur manchmal, aber nicht immer attraktiv.“


Welche Rolle spielt die Gasbörse derzeit für Sie?


Lintzel: Seit dem Sommer nimmt die Liquidität an der Gasbörse langsam zu. Sie ist aber noch deutlich geringer als bei Strom. Das führt auch dazu, dass die Spreads (Preisunterschiede zwischen Kauf- und Verkaufsangeboten – d. A.) sehr hoch sind. Das macht den Handel an der Börse nur manchmal, aber nicht immer attraktiv.


Was können Sie über Großhandel und Börse hinaus tun, um Gaspreissteigerungen Ihres Vorlieferanten zu kompensieren?


Lintzel: Wir haben uns auch schon, wenn auch nur sehr selten, auf dem Ölmarkt gegen steigende Ölpreise abgesichert. Dann kaufen wir eine Option für ein Jahr, und wenn die Ölpreise weiter steigen, erhalten wir eine Ausgleichszahlung. Auch das ist eine Möglichkeit, unsere Beschaffung abzusichern, wenn wir an unsere Kunden Gas zum Festpreis verkaufen.


Sehen Sie denn Möglichkeiten durch die derzeit sinkenden Ölpreise, auch einmal wieder Gaspreise zu senken?


Tuschek: Wenn das ein anhaltender Trend ist und bei uns in den Beschaffungsverträgen ankommt, machen wir das auch.


Wann wären Sie dazu in der Lage, wenn der Trend anhält, die jetzige Preissteigerung wieder teilweise zurückzunehmen?


Lintzel: Die Preisentwicklung ist ja vor allem auf dem Rohölmarkt relativ intensiv gewesen, mit Spizenpreisen bis zu 147 US-Dollar je Barrel, die inzwischen zurückgegangen sind. Das kommt aber aufgrund der geänderten Dollar-Euro-Relation auf dem für uns maßgebenden Markt für leichtes Heizöl nur teilweise an. Der Preis für leichtes Heizöl ist in den letzten Wochen nicht so stark gefallen. Wir müssen beobachten, wie sich der Trend fortsetzt. Falls er anhält, wäre aus jetziger Sicht eine Preissenkung im Frühjahr nächsten Jahres möglich.



Dr. Anke Tuschek

ist seit Oktober 2006 Geschäftsführerin bei der Stadtwerke Leipzig GmbH. Die beruflichen Wurzeln der heute 48-jährigen Energieexpertin liegen in Dresden, wo sie an der Technischen Universität 1983 ihren Abschluss als Diplomingenieurin für Maschineningenieurwesen machte und 1988 promovierte. Nach verschiedenen Stationen in der kommunalen Dresdner Energiewirtschaft wurde Tuschek 1997 Prokuristin und Leiterin der Hauptabteilung Fernwärme/Gas bei der Drewag Stadtwerke Dresden GmbH. Im Jahr 2000 wechselte sie als Geschäftsführerin des regionalen Gasversorgers Spreegas nach Cottbus.


Peter Lintzel

ist eigentlich Diplomingenieur für Informationsverarbeitung und hatte bis 1990 an der Technischen Hochschule Leipzig gearbeitet. Danach leitete er zwei Jahre lang das Energiereferat der Stadtverwaltung Leipzig, bevor er als Hauptabteilungsleiter Energiewirtschaft zu den Stadtwerken Leipzig wechselte. Nach einer Zwischenstation als Geschäftsbereichsleiter Energiebeschaffung ist der heute 51-jährige seit 2005 als Bereichsleiter für Großhandel und Erzeugung zuständig. Die Entwicklung der Leipziger Energiebörse begleitet Lintzel seit 2000 als Mitglied des Börsenrats.