Vorstandschef Giesting hofft darauf, dass stärker marktorientierte Vergütungsregeln künftig den rasanten Ökostrom-Ausbau in Brandenburg und Sachsen-Anhalt verlangsamen. Für den weiteren Umbau der Energieversorgung legt er ein Fünf-Punkte-Programm vor.


Enviam steuert sein Geschäft über regionale Niederlassungen wie hier in Markkleeberg bei Leipzig. Foto: Stefan Schroeter


Der Chemnitzer Regionalversorger Enviam hat ein schlüssiges Gesamtkonzept für die Energiewende gefordert. Die Fragen eines Strommarktdesigns, das konventionelle und erneuerbare Energieerzeugung in Einklang miteinander bringt, und nach einer bezahlbaren Energieversorgung seien bisher nicht geklärt, sagte Vorstandschef Carl-Ernst Giesting gestern bei der Jahrespressekonferenz in Chemnitz. „Wir haben immer noch kein schlüssiges Konzept für die Energiewende, sondern 16 plus 1 Energiewenden.“ Jedes Bundesland verfolge beim Umbau der Energieversorgung seine eigenen Ziele, die nicht miteinander vereinbar seien.

Ostdeutschland ist Giesting zufolge besonders stark von der Energiewende betroffen, seine Länder hätten sich zum Frühwarnsystem entwickelt. Schon heute werde hier deutlich mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt, als die Ziele der Bundesregierung vorsehen. An bestimmten Tagen übersteige die Erzeugung grünen Stroms bereits den Verbrauch.

Dann speist der Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom, eine Tochtergesellschaft von Enviam, Strom aus dem Verteilnetz in das vorgelagerte Übertragungsnetz. Immer öfter muss auch die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zurückgefahren werden, um Leitungsüberlastungen zu vermeiden. Im vergangenen Jahr war das bereits 97 Mal der Fall, im laufenden Jahr 32 Mal. „Damit ist an jedem vierten Tag ein Netzeingriff notwendig“, sagte der Enviam-Chef.

Er legte ein Fünf-Punkte-Programm für das Gelingen der Energiewende vor, das nach seiner Ansicht nach der Bundestagswahl bearbeitet werden sollte. Europäisierung, bessere Koordination auf allen Ebenen und stabile Rahmenbedingungen für Investitionen lauten die Schlagworte. Außerdem müssten Strom für Haushalte und Unternehmen bezahlbar und die Akzeptanz der Bürger gesichert bleiben. Einer Umfrage zufolge, die das Unternehmen demnächst vorstellen will, befürworten noch 76 Prozent der Ostdeutschen die Energiewende.

Enviam, eine Tochter des RWE-Konzerns mit starker kommunaler Beteiligung, ist nach eigenen Angaben der führende regionale Energiedienstleister in Ostdeutschland. Das angestammte Versorgungsgebiet erstreckt sich über Teile von vier Bundesländern, in denen die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bisher sehr unterschiedlich ausgebaut worden ist. Während Brandenburg und Sachsen-Anhalt die Ökostromproduktion stark vorangetrieben haben, legen Sachsen und Thüringen ein deutlich moderateres Tempo vor.

In den ersteren beiden Ländern hofft Giesting darauf, dass stärker marktorientierte Vergütungssätze den weiteren Ausbau abbremsen. In Thüringen machte er zuletzt durchaus ambitionierte Ausbaupläne aus. Die Sächsische Staatsregierung dagegen hatte erst kürzlich ein Energie- und Klimaprogramm beschlossen, das von der Opposition als „Energiewendebremse“ kritisiert wurde. „Sachsen geht bewusst einen anderen Weg“, sagte Giesting. „Ich persönlich halte ihn für richtig.“

Das vergangene Geschäftsjahr 2012 verlief für die Enviam-Gruppe und die Stammgesellschaft trotz unterschiedlicher Entwicklungen in einzelnen Geschäftsfeldern überwiegend gut. Der Jahresüberschuss wuchs vor allem durch Sondereffekte um 11% auf 281 Millionen Euro. Auch das nachhaltige Ergebnis, in dem diese Sondereffekte nicht enthalten sind, legte noch leicht zu. Die Zahl der Beschäftigten ging dagegen um 130 Vollzeitstellen zurück, die betroffenen Mitarbeiter gingen in den Vorruhestand. Den Aktionären schlägt der Vorstand mit 0,65 Euro je Aktie eine Dividende wie im Vorjahr vor.


Enviam AG 2012

Stromabsatz: 21.164 GWh    +8%
Umsatz:  2.73 Mrd. Euro     +2%
Nachhaltiges Ergebnis:  234 Mio. Euro    +3%
Jahresüberschuss:  281 Mio. Euro    +11%
Bilanzgewinn:  161 Mio. Euro    ±0
Dividende: 0,65 Euro/Aktie    ±0
Mitarbeiter (Vollzeitkräfte): 1.861    -130