Greenpeace Deutschland warnt vor den Folgen eines möglichen schweren Unfalls in einem geplanten polnischen Atomkraftwerk. Der folgende radioaktive Niederschlag könnte weite Gebiete nicht nur in Polen unbewohnbar machen, sondern auch in Nachbarländern wie Deutschland.


Bei einem schweren Atomunfall in Polen wäre ein Wetter wie am 11. Mai 1995 der  schlimmste Fall für Deutschland: Dann würden große Mengen von radioaktivem Zäsium 137 in einem breiten Korridor verteilt und ihn zu einem Umsiedlungsgebiet machen.


Polens geplanter Einstieg in die Atomenergie birgt nach Ansicht von Greenpeace Deutschland nicht nur hohe Risiken für das Land selbst, sondern auch für die umliegenden Länder. Nach einem möglichen schweren Atomunfall könne der radioaktive Niederschlag bei bestimmten Wetterlagen große Teile Deutschlands unbewohnbar machen, warnt die Umweltschutz-Organisation. Dabei stützt sie sich auf zwei Studien, die in ihrem Auftrag von der Universität Wien erstellt wurden. Darin hatten die Wissenschaftler untersucht, welche Mengen radioaktiven Materials bei einem schweren Unfall in einem Atomkraftwerk bei Gdańsk (Danzig) freigesetzt werden, und wie sie sich bei verschiedenen beispielhaften Wetterlagen auf Gebiete in Polen und in seinen Nachbarländern verteilen können.

Die erste Studie zu den möglichen Mengen des radioaktiven Ausstoßes geht davon aus, dass das erste polnische AKW in Lubiatowo an der polnischen Ostseeküste bei Gdańsk gebaut wird. Dafür kommen derzeit drei Reaktortypen in Frage: Der Fortgeschrittene Siedereaktor (Advanced Boiling Reactor – ABWR) des US-amerikanisch-japanischen Unternehmens Hitachi GE verfügt über eine Stromleistung von 1.350 Megawatt. Der Fortgeschrittene Passivreaktor (Advanced Passive – AP1000) des ebenfalls US-amerikanisch-japanischen Hersteller Westinghouse Electric leistet 1.117 MW. Aus Frankreich kommt das Angebot für den Europäischen Druckreaktor (European Pressurized Reactor – EPR), ein Gemeinschaftsprodukt des Stromkonzerns EdF Electricite de France mit dem Kraftwerksbauer Areva, der 1.600 MW verspricht.

Jeder dieser drei Reaktortypen birgt nach Ansicht der Wiener Wissenschaftler die Gefahr eines schweren Atomunfalls, bei denen die Sicherheitshülle – das sogenannte Containment – beschädigt wird oder teilweise unwirksam werden kann. In diesen Fällen würden jeweils große Mengen radioaktiver Edelgase, Jod und Zäsium freigesetzt.

In einer zweiten, sogenannten Flexrisk-Studie untersuchten sie am Beispiel von Zäsium 137, wie sich die freigesetzten radioaktiven Stoffe unter bestimmten Wetterbedingungen über benachbarte und weiter entfernte Gebiete ausbreiten würden. Das Ergebnis: Je nach Windrichtung kann der radioaktive Niederschlag nicht nur in Polen selbst, sondern auch in den Nachbarländern große Gebiete so stark radioaktiv belasten, dass die Bevölkerung umgesiedelt werden muss. In drei von 85 Wettersituationen, die von den Wiener Wissenschaftlern beispielhaft durchgerechnet wurden, wären davon auch große Gebiete in Deutschland betroffen. Besonders schwerwiegend wären die Folgen, wenn das Wetter so wäre wie am 11. Mai 1995: Dann würden große Mengen von radioaktivem Zäsium 137 in einem breiten Korridor über Deutschland verteilt und ihn zu einem Umsiedlungsgebiet machen.

Im Januar hatte die polnische Regierung ein Programm bewilligt, das den Bau der beiden ersten Atomkraftwerke des Landes vorsieht. Das erste der beiden AKW soll zum Jahresende 2024 mit einem ersten Block in Betrieb gehen und 2030 eine Stromleistung von 3.000 Megawatt erreichen. Ein zweites, gleichgroßes AKW ist bis 2035 geplant. Die Baukosten für ein Kraftwerk werden mit bis zu 15 Milliarden Euro beziffert.

Als mögliche Standorte galten bisher die benachbarten Orte Choczewo und Żarnowiec bei Gdańsk im Nordosten sowie das weiter westlich gelegene Gąski. Nach Recherchen von Greenpeace Polen wird derzeit in Regierungskreisen auch Lubiatowo als Standort-Favorit gehandelt. Lubiatowo liegt nördlich von Choczewo an der Ostseeküste.

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