Der russische Energiekonzern streut die zunächst halboffizielle und später teilweise bestätigte Information, dass er seinen Anteil am Leipziger Verbundnetz Gas an den Mehrheitsaktionär EWE verkauft. Damit würden die Oldenburger ihren Einfluss bei VNG weiter ausbauen – aber auch eine überraschende Wende scheint weiterhin möglich zu sein.

Seit vergangenem Herbst besitzt EWE die Aktienmehrheit an VNG, aber nicht die alleinige Kontrolle. Foto: Stefan Schroeter


In den vergangenen Tagen sind in verschiedenen Medien unbestätigte Meldungen darüber aufgetaucht, dass der russische Energiekonzern Gasprom seinen Anteil am Leipziger Erdgasimporteur und Infrastruktur-Betreiber VNG Verbundnetz Gas an den Oldenburger Energiekonzern EWE verkaufen will. Gasprom hält 10,52 Prozent der VNG-Aktien und hat bisher gemeinsam mit den kommunalen Aktionären verhindert, dass der Mehrheitsaktionär EWE die alleinige Kontrolle über VNG erlangen kann. Könnten die Oldenburger diesen Anteil schlucken, kämen sie bei dem Leipziger Unternehmen auf einen Aktienanteil von 74,21 Prozent und würden das Kräfteverhältnis weiter deutlich zu ihren Gunsten verschieben.

Der erste derartige Bericht der Süddeutschen Zeitung am vergangenen Mittwoch wirkte fast noch wie ein unpassender Aprilscherz. Unter Berufung auf „Verhandlungskreise“ meldete das Blatt, Gasprom könnte seinen zehnprozentigen VNG-Anteil an EWE verkaufen. Ähnliches wusste am Sonnabend auch die Leipziger Volkszeitung zu berichten – als Quelle gab sie „Informationen dieser Zeitung“ an.

Am Montag begannen dann auch russische Medien und die britische Nachrichtenagentur Reuters darüber zu schreiben, dass Gasprom den VNG-Anteil an EWE verkaufen möchte. Die russische Zeitung Wedomosti und das Internetportal Lenta.ru zitierten die Nachrichtenagentur Tass sogar mit der Meldung, dass es schon einen Vorvertrag zwischen Gasprom und EWE gebe. Während sich Reuters direkt auf Gasprom berief, nannten die anderen Medien „Quellen“, die dem russischen Energiekonzern nahestehen sollen. Heute nun zogen deutsche Onlinemedien wie Handelsblatt, Spiegel Online und noch einmal Süddeutsche Zeitung nach und gaben die halboffiziellen Informationen der Nachrichtenagenturen weitgehend unverändert an ihre Leserschaft weiter.

 

Späte Teilbestätigung

Gasprom selbst, normalerweise ein fleißiger Produzent von mehr oder weniger aufschlussreichen Pressemitteilungen, informierte in diesem Fall nicht offiziell über seine Verkaufspläne. Erst auf mehrmalige Anfrage bestätigte der russische Energiekonzern am Abend die Absicht, sein VNG-Aktienpaket zu verkaufen. Zur Begründung führte er an, dass sein strategischer Partner Wintershall sich ebenfalls von seinen VNG-Anteilen getrennt habe. Bis dahin hätten Gasprom und Wintershall gemeinsam eine Sperrminorität von 26,31 % der VNG-Aktien gehalten. Danach sei es Gasprom nicht mehr möglich gewesen, sich wirksam an der Führung des Unternehmens zu beteiligen. Wie der Sprecher der deutschen Niederlassung Gasprom Germania, Mirco Hillmann, sagte, stehen Käufer und Kaufpreis für das Aktienpaket noch nicht fest.

Tatsächlich waren Wintershall und Gasprom lange Zeit neben den kommunalen Aktionären wichtige Garanten dafür, dass sich VNG eine gewisse Eigenständigkeit bewahren konnte. Besonders wichtig wurden diese beiden Aktionäre in den Jahren ab 2007, als das Leipziger Unternehmen zunächst einen feindlichen Übernahmeversuch des ursprünglich freundlichen Großaktionärs EWE abwehren musste und der Konflikt danach für mehrere Jahre eingefroren werden konnte. Doch dann kündigte Wintershall vor einem Jahr überraschend an, seine VNG-Aktien an EWE verkaufen zu wollen. Im vergangenen Herbst wurde der Verkauf vom Bundeskartellamt genehmigt und von den Unternehmen vollzogen.

 

Kommunale Sperrminorität

Seitdem hält EWE die Mehrheit an VNG und scheint sie nun weiter aufstocken zu können, wenn das Geschäft mit Gasprom zustande kommen sollte. Zu diesem möglichen Anteilskauf wollte sich Konzernsprecher Christian Blömer auf Anfrage nicht äußern. Allerdings scheinen sich die Oldenburger weiterhin nicht sicher zu sein, ob sie ihre VNG-Beteiligung halten oder verkaufen wollen. Eine Entscheidung darüber sei noch nicht abschließend gefallen, teilte Blömer mit.

Möglicherweise hängt diese Entscheidung davon ab, ob es EWE gelingt, die Sperrminorität der kommunalen ostdeutschen VNG-Aktionäre auszuhebeln. Sie halten derzeit einen VNG-Anteil von 25,79 % und haben durch eine frühe Aktionärsvereinbarung die Möglichkeit, die alleinige Unternehmenskontrolle durch einen Mehrheitsaktionär zu verhindern. Allerdings ist ihre Sperrminorität derzeit in Gefahr, weil Erfurt seinen VNG-Anteil von 4,21 % verkaufen will. Zwar wollen die anderen kommunalen Aktionäre ihr Vorkaufsrecht nutzen und den Erfurter Anteil zu einem moderaten Preis übernehmen. Doch die Thüringer bestehen bisher auf einem hohen Preis, der die bisherigen Partnerkommunen überfordern könnte, aber von EWE wohl ohne weiteres gezahlt würde. Aufschluss über die angemessene Bewertung der Erfurter VNG-Anteile soll ein Gutachten bringen, das bisher noch nicht vorliegt.

Sollte EWE sich doch noch entscheiden, seine VNG-Anteile zu verkaufen, könnte der Oldenburger Energiekonzern möglicherweise ein Angebot der Stadt Leipzig und der anderen kommunalen VNG-Aktionäre erhalten. Das hatte die stadteigene  Holding LVV Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft bereits im Dezember angekündigt. Um das dafür  nötige Kleingeld aufzubringen, will sie finanzkräftige Infrastruktur-Investoren gewinnen. Die Gespräche dafür liefen derzeit, sagte LVV-Sprecher Frank Viereckl.


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