Zwischen Fichtelberg und Kap Arkona werden bereits 42 Prozent des verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt. Entgegen früheren Annahmen können die Netze diesen hohen Anteil Ökostrom gut verkraften. Doch der erforderliche Leitungsausbau treibt die Kosten für die hier ansässigen Stromkunden bisher mehr als nötig.

          Windpark bei Marlow in Mecklenburg Vorpommern. Bewegtbild: Stefan Schroeter


Windkraftanlagen können in kritischen Situationen dazu beitragen, das Stromsystem zu stabilisieren. Diese Erfahrung machte der ostdeutsche Übertragungsnetz-Betreiber 50Hertz im Dezember 2013, als das Orkantief Xaver mehrere große Höchstspannungs-Leitungen außer Betrieb setzte. „Dann haben dort die Windkraftanlagen das System komplett autark stabil gehalten“, berichtete Geschäftsführer Boris Schucht am Mittwoch auf dem Ostdeutschen Energieforum in Leipzig. „Der Kunde hat nicht gemerkt, dass wir Schwierigkeiten hatten. Es gab kein flackerndes Licht.“ Möglich war das, weil 50Hertz zuvor schon mit vielen Windrad-Betreibern spezielle Verträge zur Spannungshaltung abgeschlossen hatte. Das Unternehmen verfolgt schon seit längerer Zeit die Strategie, die immer zahlreicheren ostdeutschen Solar- und Windparks in die Dienstleistungen für das dortige Stromsystem einzubeziehen.

Schucht zufolge hat Strom aus erneuerbaren Energien in der Regelzone von 50Hertz inzwischen einen Anteil von 42 Prozent am Stromverbrauch. „Es gibt keine Region in der Welt, die einen höheren Anteil in das System integriert hat“, sagte der Geschäftsführer. Er erinnerte daran, dass es die Ingenieure der Stromkonzerne vor 20 Jahren noch für unmöglich hielten, mehr als fünf Prozent Solar- und Windstrom in das Stromsystem aufzunehmen. „Wir zeigen hier, dass es bereits möglich ist, 42 Prozent sicher zu integrieren.“

Nach den Prognosen, die der Übertragungsnetz-Betreiber gemeinsam mit den Verteilnetz-Betreibern erstellt, geht die Entwicklung der erneuerbaren Energien in Ostdeutschland auch in den nächsten zehn Jahren ungebremst weiter. Dies hänge mit der Siedlungsdichte, den Preisen für geeignete Flächen sowie den günstigen Wind- und Sonnenbedingungen zusammen. „Wir sehen mindestens noch eine Verdoppelung der erneuerbaren Energien in den nächsten zehn Jahren“, prophezeite Schucht. Lediglich in Sachsen-Anhalt, wo insbesondere die Windkraft schon kräftig ausgebaut worden ist, sieht er erste Anzeichen dafür, dass sich der weitere Zubau in absehbarer Zeit verlangsamen könnte.

Dass Ostdeutschland zunehmend mehr Strom produziert, als es selbst benötigt, und daher große Strommengen exportiert, sieht der Stromnetz-Manager als Chance für diese Region. Dabei räumt er ein, dass dieses Konzept nur funktioniert, wenn neue Höchstspannungs-Leitungen gebaut werden, und dass zumindest die Kosten für den überregionalen Netzausbau gerechter als bisher verteilt werden müssten.


Widerstand gegen Leitungsbau

Auf welche starken Widerstände der Netzausbau in den davon betroffenen Regionen stoßen kann, hatte 50Hertz in den vergangenen Jahren selbst bei Planung und Bau der Südwest-Kuppelleitung erfahren. Diese Höchstspannungs-Leitung soll ostdeutschen Strom mit 380 Kilovolt durch den Thüringer Wald nach Bayern transportieren. Gegen den zweiten Abschnitt dieser Leitung, die auch als „Thüringer Strombrücke“ bekannt ist, wehrten sich die Anwohner mit juristischen Mitteln und zogen dabei bis vor das Bundes-Verfassungsgericht. Dort wurde ihre Beschwerde zwar nach zwei Jahren Prüfung nicht zur Entscheidung angenommen. Sie haben jetzt aber immer noch die Möglichkeit, ihr Anliegen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorzutragen.

50Hertz hatte inzwischen weiter an dem zweiten Abschnitt gebaut und ihn im Juli fertiggestellt. Auch der dritte und letzte Abschnitt bis zur Landesgrenze ist bereits in Arbeit. Schucht rechnet nun mit einer baldigen Fertigstellung. „Ich hoffe, dass wir vor den ersten kalten Tagen des Winters zumindest mit einem System in Betrieb sind, um den Wegfall des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld zu kompensieren“, sagte er in Leipzig. Im vorläufigen Endausbau soll die Leitung über zwei Systeme verfügen. Das bayerische Kraftwerk Grafenrheinfeld war vom Betreiber Eon bereits im Juni stillgelegt worden, wodurch der ohnehin bestehende Strommangel in Süddeutschland weiter zunahm.

Inzwischen arbeitet 50Hertz bereits an einem Projekt für eine weitere Stromtrasse durch Thüringen. Diese Leitung für die sogenannte Hochspannungs-Gleichstromübertragung mit 500 Kilovolt soll ab dem Jahr 2022 ebenfalls ostdeutschen Strom verlustarm und zielgerichtet durch Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen nach Bayern transportieren. Dieses Südost-Leitungsprojekt stieß bisher bei den Landesregierungen in Thüringen und Bayern auf Widerstand. Inzwischen scheint aber zumindest Bayern etwas eingelenkt zu haben. „Wir sind sehr froh, dass es dort einen Kompromiss gegeben hat“, sagte Schucht, ohne Einzelheiten zu nennen. Seiner Ansicht nach würde der deutsche Strommarkt ohne den geplanten Netzausbau in zwei Preiszonen zerfallen, so dass der Strom in Bayern im Großhandel um 30 Prozent teurer wäre als im Norden.


Virtueller Stromtransport

Als weiteres Argument für den Netzausbau führte der Stromnetz-Manager die steigenden Redispatch-Kosten an. Sie entstehen dadurch, dass der Strom-Großhandel so organisiert ist, als ob es keine Leitungsengpässe im deutschen Netz gäbe. Ostdeutsche Kraftwerksbetreiber können daher grenzenlos ihren Strom nach Süddeutschland verkaufen. Kann dieser Strom wegen der tatsächlichen Engpässe dann nicht transportiert werden, wird dieser Strom virtuell übertragen: Das kostengünstig produzierende ostdeutsche Lieferanten-Kraftwerk fährt seine Stromproduktion in dem Maß herunter, wie der Stromtransport durch den Engpass behindert wird. In dem gleichen Maß fährt gleichzeitig in Süddeutschland ein weniger kostengünstiges Kraftwerk seine Stromproduktion hoch und liefert den Strom an den süddeutschen Kunden. Durch diesen sogenannten „Redispatch“ entstehen Mehrkosten, die von den beteiligten Netzbetreibern ausgeglichen und letztendlich über die Netzentgelte überwiegend von den kleinen und mittelgroßen Stromkunden bezahlt werden.

„Nach heutigen Prognosen werden wir eine halbe Milliarde Redispatchkosten in diesem Jahr sehen“, sagte Schucht. Nach seiner Ansicht könnten diese Redispatchkosten künftig vollständig vermieden werden, wenn der heute von 50Hertz und anderen Übertragungsnetz-Betreibern geplante Netzausbau umgesetzt wird. Neben der HGÜ-Leitung Südost sind das überwiegend drei weiter westlich verlaufende Starkstromtrassen in Nord-Süd-Richtung. Die Kosten für diesen Netzausbau, die der 50Hertz-Geschäftsführer mit 20 Milliarden Euro bezifferte, hält er schon aufgrund der dann vermeidbaren Redispatchkosten für gerechtfertigt. Möglicherweise ist allerdings seine Prognose für 500 Mio. Euro Redispatchkosten im laufenden Jahr deutlich zu hoch angesetzt: Schließlich lagen diese Kosten im Jahr 2013 noch bei 133 Mio. Euro und sollen im Jahr 2014, für das noch keine genauen Zahlen vorliegen, weiter gesunken sein.

Für den Fall, dass der Netzentwicklungsplan nicht verwirklicht werden sollte, hält Schucht die bisher verfolgte Energiewende für nicht umsetzbar. „Man müsste sich ein völlig neues Konzept überlegen.“ Tatsächlich gibt es bereits Ansätze für ein solches Konzept. So hält der der Bund für Umwelt und Naturschutz den Bau der HGÜ-Leitung Südost in der bisher geplanten Form für nicht notwendig. Der Solarenergie-Förderverein spricht sich sogar dafür aus, auf den Fernleitungs-Ausbau ganz zu verzichten und stattdessen dezentrale Versorgungssysteme mit erneuerbaren Energien und Stromspeichern aufzubauen.


Faire Netzentgelte

Der 50Hertz-Geschäftsführer setzte sich außerdem dafür ein, die Netzentgelte auf der Übertragungsebene zu vereinheitlichen. Derzeit würden Regionen, in denen viel Strom aus erneuerbaren Energien produziert wird, aber wenig Strom verbraucht wird, systematisch in erheblichem Maß benachteiligt. In der Regelzone von 50Hertz liege Strom zunächst günstig an, werde aber durch die Netzentgelte künstlich verteuert. Dagegen werde der Strom in Süddeutschland, wohin er teuer zu transportieren sei, künstlich billig gemacht. „Das ist ein Irrsinn“, sagte Schucht wörtlich. „So wäre das Ruhrgebiet nie groß geworden.“

Für eine Angleichung der ostdeutschen Netzentgelte an den bundesweiten Durchschnitt sprachen sich auf dem Ostdeutschen Energieforum auch andere Wirtschaftsfunktionäre und Politiker aus. Wegen höherer Netzentgelte zahlten die Unternehmen der Region ein Viertel mehr für den Strom als westdeutsche Firmen, sagte Wolfgang Topf, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig. Diese Mehrbelastung führe zu einem Wettbewerbs-Nachteil für die hiesige Wirtschaft. Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich forderte von der Bundesregierung eine „faire Verteilung der Netzentgelte“. Der Netzausbau in Ostdeutschland erfolge über den Strombedarf des Ostens hinaus, die Kosten dafür würden die ostdeutschen Stromkunden tragen. „Die Energiewende kann nicht zu Lasten einer bestimmten Region gehen“, argumentierte Tillich. „Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb ist es auch folgerichtig, dass die Lasten fair verteilt werden.“

Das Thema wird inzwischen auch im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erörtert. „Die Netzentgelte sind tatsächlich in manchen Regionen in Ostdeutschlands höher als im Westen – das hat uns auch in Berlin schon erreicht“, bekannte der parlamentarische Staatssekretär Uwe Beckmeyer. „Wir streben an, die Netzentgelte zwischen den Regionen stärker anzugleichen“, versprach er.


Braunkohle bis 2050

Eine breite Unterstützung erhielt auf dem Forum die ostdeutsche Braunkohlewirtschaft. So setzten sich Topf, Tillich und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff dafür ein, die Braunkohle als wichtige Säule der Energieversorgung zu erhalten. „Die Braunkohle brauchen wir mindestens bis 2050“, sagte Haseloff. „Und ich sehe für die Grundlast auch keine nationale Alternative als dieses zugriffsfähige Element.“

Nach dieser Logik wäre es wohl auch erforderlich, neue Flächen für Tagebaue zu erschließen und die dort lebenden Menschen notfalls gegen ihren Willen umzusiedeln. Joachim Geisler, Geschäftsführer des Braunkohleförderers Mibrag, wies darauf hin, dass die derzeit verfügbaren Abbaufelder noch bis zum Jahr 2045 reichen. Um neue Tagebaue genehmigt zu bekommen, seien 15 bis 20 Jahre nötig. „Wenn wir nicht irgendwann Anfang der 20er Jahre dieses Jahrhunderts zu der Entscheidung kommen, wollen wir weitermachen oder nicht, dann sind wir an einem natürlichen Ende der Vorräte.“

Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem politisch heftig umstrittenen Thema Braunkohle war bei dem Forum allerdings wohl nicht vorgesehen, auf der Rednerliste stand daher kein ausgewiesener Kritiker dieses fossilen Energieträgers. Ein Denkanstoß zu diesem Thema kam wieder von Schucht: „Wir haben ein politisches Ziel – 80 Prozent CO2-Minderung bis 2050. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieses politische Ziel erreicht werden soll, wenn noch ein nennenswerter Anteil an Kohleverstromung in Deutschland stattfindet.“


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