Der ostdeutsche Braunkohleförderer hat im Geschäftsjahr 2014 die gewohnt hohe Gewinnabführung an den tschechischen Mutterkonzern etwas verringert. Gleichzeitig zahlte er einen hohen Verlustausgleich für die neue Tochtergesellschaft Helmstedter Revier – und hält die Gründe dafür geheim.

Schöningen Buschhaus gross

Loch in der Landschaft und in der Bilanz: Das Helmstedter Revier erwirtschaftete 2014 einen hohen, rätselhaften Verlust. Archivfoto 2012: Axel Hindemith / Lizenz: CC-by-sa-3.0 de


Bei dem hoch profitablen ostdeutschen Braunkohleförderer Mibrag hält der starke Kapitalabfluss weiter an. Zwar ist im vergangenen Geschäftsjahr die direkte Gewinnabführung an den tschechischen Mutterkonzern EPH Energetický a průmyslový holding etwas zurückgegangen. Doch gleichzeitig zahlte Mibrag einen hohen Verlustausgleich für die neue niedersächsische Tochtergesellschaft HSR Helmstedter Revier. Das geht aus dem Jahresabschluss 2014 hervor, der Anfang Januar im Bundesanzeiger veröffentlicht wurde. Mibrag hatte ihn Anfang Dezember 2015 dort eingereicht – und damit nur kurz vor Ablauf der gesetzlichen Frist zum Jahresende. Erstellt und von der Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft KPMG abgezeichnet worden war der Jahresabschluss dagegen bereits im März 2015.

Mibrags Umsatz ist im Jahr 2014 leicht auf 426 Millionen Euro angestiegen. Das Unternehmen konnte deutlich mehr Rohbraunkohle absetzen und damit auch mehr Geld verdienen. Mibrag beliefert vor allem die Großkraftwerke Lippendorf und Schkopau, hat sich in den vergangenen Jahren aber auch neue Absatzmöglichkeiten erschlossen – unter anderem durch die umstrittenen Langstrecken-Transporte nach Niedersachsen und Tschechien. Erstaunlicherweise werden letztere im Lagebericht zum Jahresabschluss nicht einmal erwähnt. Immerhin hatte Mibrag im April 2015 angekündigt, die besonders heftig kritisierten Braunkohle-Exporte nach Tschechien zum Jahresende einzustellen. EPH bekräftigte diese Aussage jetzt noch einmal. Im Dezember 2015 habe es die letzten derartigen Lieferungen an tschechische Kraftwerke gegeben, teilte der Mutterkonzern auf Anfrage mit. In Zukunft werde Mibrags Kohle nicht mehr nach Tschechien exportiert.

Im Geschäftsjahr 2014 lieferte Mibrag außerdem zeitweise Rohbraunkohle an den Montanwachs-Hersteller Romonta in Amsdorf, der wegen einer Havarie keine Braunkohle mehr aus seinem eigenen Tagebau fördern konnte. Der Absatz veredelter Produkte wie Strom, Briketts und Braunkohlestaub ging dagegen zurück.

Den Gewinn, der 2014 an die EPH-Konzerngesellschaft JTSD Braunkohlebergbau abgeführt wurde, weist Mibrag mit 70 Mio. Euro aus. Das sind auf den ersten Blick 12 Mio. Euro weniger als im Jahr 2013, die Umsatzrendite wäre damit von 19 Prozent auf immer noch stolze 16 % gesunken. Auf den zweiten Blick taucht in der Gewinn- und Verlustrechnung eine Summe von 23,7 Mio. Euro auf, die Mibrag zum Verlustausgleich der neuen Tochtergesellschaft HSR gezahlt hat.

 

Rätselhafter Verlust

Warum dieser Verlustausgleich für ein Unternehmen notwendig wurde, das Mibrag erst im Jahr 2013 für die deutlich niedrigere Summe von 3,6 Mio. Euro vom Energiekonzern Eon erworben hatte, geht aus dem Jahresabschluss nicht hervor. HSR habe „erwartungsgemäß einen Verlust erwirtschaftet“, zu dessen Ausgleich Mibrag aufgrund eines  Ergebnis-Abführungsvertrages verpflichtet sei, heißt es lediglich. Auch für 2015 sei mit „auszugleichenden Verlusten der HSR“ zu rechnen.

Im HSR-Jahresabschluss 2014, der ebenfalls von KPMG bestätigt worden ist, werden die Ursachen für den hohen Verlust gleichfalls nicht konkret benannt. Im Abschnitt „Ertragslage“ heißt es dort lediglich: „Der Verlust nach Steuern in Höhe von EUR -23,7 Mio. wird in voller Höhe durch die Mibrag auf Grundlage des bestehenden Gewinnabführungsvertrages ausgeglichen.“ Da Mibrag selbst dazu keine Fragen beantwortet, bleibt für die Ursachenforschung nur das mehr oder weniger schattige Gebiet der Wahrscheinlichkeiten und Vermutungen.

Also: Ein naheliegender Grund für die tiefroten Zahlen bei HSR sind die sinkenden Preise im Strom-Großhandel. Wahrscheinlich erlauben sie dem 30 Jahre alten Kraftwerk Buschhaus, das mit einem relativ geringen Wirkungsgrad von 36% und ohne Wärmeauskopplung arbeitet, keinen wirtschaftlichen Betrieb mehr. Eine zweite Ursache könnte sein, dass der auslaufende Tagebau Schöningen zunehmend unwirtschaftlich wurde. Hier fielen wohl ähnlich hohe Fixkosten wie in den Vorjahren an, während die Kohleförderung zurückging.

Um die rückläufige Förderung aus Schöningen auszugleichen, lieferte Mibrag größere Mengen Braunkohle aus seinen Tagebauen Profen in Sachsen-Anhalt und Vereinigtes Schleenhain in Sachsen per LKW und Bahntransport über 200 Kilometer nach Buschhaus. Zu welchem Preis Mibrag diese Kohle an seine Tochtergesellschaft verkaufte, geht aus den Unterlagen zwar nicht hervor. Der aufwendige Bahntransport lässt allerdings ein eher gehobenes Preisniveau vermuten, das sich bei HSR zunächst in hohen Materialkosten und schließlich in einem negativen Jahresergebnis niedergeschlagen haben dürfte.

Als Grund für den Erwerb von HSR hatte Mibrag angegeben, neue Absatzmöglichkeiten für die Braunkohle aus Profen und Schleenhain erschließen zu wollen. Weil die Kohleförderung im HSR-Tagebau Schöningen zurückging und 2017 ganz auslaufen sollte, hatte Mibrag schon in den vergangenen Jahren Rohbraunkohle für Buschhaus geliefert und wollte diese Lieferungen noch ausweiten. Das damit verbundene zusätzliche jährliche Absatzpotenzial bezifferte das Unternehmen mit bis zu 2,5 Mio. t. Dafür sollte die Betriebsdauer des Kraftwerks, dessen Stillegung eigentlich für 2017 geplant war, bis 2030 verlängert werden.

 

Stromkunden zahlen für Buschhaus

Doch der wachsende politische Gegenwind für die deutsche Kohleverstromung hat diese Pläne inzwischen verweht: Im Oktober 2015 vereinbarte Mibrag mit dem Bundes-Wirtschaftsministerium, das Kraftwerk Buschhaus ab Oktober 2016 in eine sogenannte Sicherheitsbereitschaft einzubringen. Dort soll es gemeinsam mit anderen älteren deutschen Braunkohle-Kraftwerken vier Jahre lang als letzte Absicherung der Stromversorgung dienen und danach im September 2020 endgültig stillgelegt werden. Mibrag kann dafür eine jährliche Kompensationszahlung erwarten, die von den kleinen und mittelgroßen Stromkunden über die Netzentgelte zu bezahlen wäre.

Wie hoch diese Vergütung für Buschhaus sein soll, wollen weder das Ministerium noch das Unternehmen selbst verraten. Mibrag weist dabei darauf hin, dass das Strommarktgesetz, das den Vorschlag für die Vergütungsregelung enthalte, noch nicht verabschiedet sei. Aus den bekannten Zahlen lässt sich die geplante Vergütung jedoch näherungsweise berechnen. Bekannt ist, dass alle Kraftwerke der Sicherheitsbereitschaft zusammen über eine Stromleistung von 2,7 Gigawatt verfügen, und dass ihre Betreiber insgesamt eine Vergütung von 1,6 Milliarden Euro erhalten sollen. Das würde eine durchschnittliche Vergütung von 592.593 Euro je Megawatt Stromleistung ergeben.

Da das Kraftwerk Buschhaus über eine Stromleistung von 352 MW verfügt, würde Mibrag nach dieser Durchschnittsrechnung eine Vergütung erhalten, die sich in der Größenordnung von 200 Mio. Euro bewegen dürfte. Das wäre eine stolze Summe für ein Kraftwerk, das der frühere Eigentümer Eon ursprünglich ohnehin im Jahr 2017 stillegen wollte. Auch verglichen mit dem bescheidenen Kaufpreis von 3,6 Mio. Euro, der 2013 für Kraftwerk und Tagebau angefallen war.

 

Rekultivierung im Blick

Mit der zunehmenden politischen Diskussion über einen Kohleausstieg stellt sich auch mehr und mehr die Frage, wie die vollständige Rekultivierung der bisher noch betriebenen Tagebaue zuverlässig gesichert werden kann. Solange die Kohleförderung läuft, rekultiviert Mibrag schrittweise die Tagebauflächen, die das Unternehmen nicht mehr benötigt. Um spätere ökologische Altlasten sanieren und bergbaubedingte Verpflichtungen erfüllen zu können, bildet es Rückstellungen, die im Jahr 2014 um 9 Mio. Euro auf 129 Mio. Euro angewachsen sind.

Nicht geklärt ist dabei bisher die Frage, wie sicher dieses Geld auch dann noch verfügbar ist, wenn Mibrag in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät. Eine weitere Frage ist, ob die Rückstellungen tatsächlich ausreichen werden, um alle Rekultivierungskosten zu decken. Die derzeitigen Diskussionen um die Rückstellungen für Atomkraftwerke zeigen sehr deutlich, wie unsicher die bestehenden Finanzierungsmodelle sind. Die einflussreiche Denkfabrik Agora, die kürzlich Eckpunkte für einen Kohleausstieg bis zum Jahr 2040 vorgeschlagen hat, plädiert daher dafür, eine Stiftung für die Rekultivierung der Braunkohle-Tagebaue einzurichten. Sie könnte aus einer Abgabe für jede künftig noch geförderte Tonne Braunkohle finanziert werden und die bisherige Rückstellungspraxis der Tagebaubetreiber ersetzen.

Der Blick auf die künftige Rekultivierung der Tagebaue und die dafür nötige Substanz des Unternehmens erscheint auch deshalb nötig, weil es in den vergangenen Jahren immer wieder hohe Gewinne an seine Muttergesellschaft abgeführt hat. Inzwischen ist die Summe der seit 2009 ausgezahlten Mibrag-Gewinne auf 448 Mio. Euro gestiegen. Die hinter EPH stehenden tschechischen und slowakischen Finanzinvestoren haben damit innerhalb von sechs Jahren den gesamten Kaufpreis von 400 Mio. Euro wieder eingespielt, für den sie den Braunkohleförderer im Jahr 2009 gemeinsam mit dem tschechischen Energiekonzern ČEZ vom US-amerikanischen Energiekonzern NRG übernommen hatten. ČEZ hatte im Jahr 2012 seine Mibrag-Beteiligung an EPH verkauft, die seitdem über mehrere Zwischenholdings sämtliche Anteile an dem Braunkohleförderer hält.



Juristisches Nachspiel

Der Mibrag-Verkauf von 2009 hat inzwischen für den langjährigen Vorsitzenden der Geschäftsführung, Joachim Geisler, zu einem juristischen Nachspiel geführt. Im vergangenen Oktober wurde er vom Aufsichtsrat von seinen dienstlichen Aufgaben, Rechten und Pflichten freigestellt, weil die Staatsanwaltschaft Bochum ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet hatte. Wie das Handelsblatt damals berichtete, soll es beim Mibrag-Verkauf von 2009 zu „Unregelmäßigkeiten“ gekommen sein.

In einem Bericht des Manager-Magazins hieß es, dass die Staatsanwaltschaft Bochum im Ermittlungsverfahren gegen Geisler auch die Büros des Münchner Beratungsunternehmens Goetzpartners durchsucht habe. Dem Bericht zufolge soll Goetzpartners beim Mibrag-Verkauf als Berater geholfen haben und auch später noch beratend für den Braunkohleförderer tätig gewesen sein. Es gebe Hinweise darauf, dass Geisler einen Teil der Goetzpartners-Honorare zurückerhalten haben könnte. Ob sich diese Hinweise erhärten, wird das Ermittlungsverfahren zeigen.

Seit Oktober wird Mibrag von den verbliebenen Geschäftsführern Bernd-Uwe Haase und Heinz Junge geführt, die bis dahin für das Kaufmännische und für das Personal zuständig waren. Während sie nun am Unternehmenssitz in Zeitz ohne ihren früheren Vorsitzenden auskommen müssen, arbeitet Geisler an höherer Stelle weiterhin im EPH-Konzern. Bei der EPH-Tochter EP Energy, die über mehrere Zwischengesellschaften alle Mibrag-Anteile hält, bekleidet er schon seit mehreren Jahren die Position eines „Director, Mining and Power Generating Divisions“. Das bedeutet, dass der freigestellte Vorsitzende der Mibrag-Geschäftsführung an dieser höheren Stelle nicht nur weiterhin Entscheidungen über dieses Unternehmen trifft, sondern auch über die Kraftwerksbeteiligungen von EP Energy. Dazu gehören das Kraftwerk Schkopau und mehrere tschechische Kraftwerke.


Expansionsstrategie

Wahrscheinlich ist der freigestellte Mibrag-Chef auch in die Bestrebungen von EPH eingebunden, das ostdeutsche Braunkohlegeschäft des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall zu übernehmen. Der tschechische Konzern gilt dafür als einer von mehreren ernsthaften Anwärtern. Vattenfalls Braunkohle-Tagebaue und Kraftwerke in Brandenburg und Sachsen würden in die bisherige Expansionsstrategie der Tschechen passen. Sie richtet sich überwiegend auf die fossile Energieerzeugung, von der sich etablierte Energiekonzerne in mehreren europäischen Ländern zunehmend trennen wollen. So übernahm EPH vor einem Jahr die italienischen Kohle- und Gaskraftwerke von Eon. In Großbritannien kaufte der tschechische Konzern das Steinkohle-Großkraftwerk Eggborough mit 2 GWh Stromleistung.

Bei Eggborough scheinen die Geschäfte allerdings nicht ganz so reibungslos zu laufen wie bei Mibrag. Im September 2015 kündigte EPH an, das Kraftwerk möglicherweise schon im März 2016 stillegen zu wollen. Als Gründe wurden stetig sinkende Strompreise und eine hohe Kohlendioxid-Steuer (Englisch: carbon tax) genannt. Daher könne das Kraftwerk künftig seine Betriebskosten nicht mehr decken. Inzwischen scheint die Situation nicht mehr ganz so dramatisch zu sein: Eggborough werde teilweise in Betrieb bleiben, teilte EPH jetzt auf Anfrage mit. Die britische Zeitung „The Telegraph“ berichtete, dass das Kraftwerk möglicherweise vom Strom-Netzbetreiber National Grid als Reserve-Stromerzeuger für den Winter 2016/2017 unter Vertrag genommen wird.

Anfang Januar übernahm EPH in Großbritannien außerdem das Steinkohlekraftwerk Lynemouth mit 420 MW vom deutschen RWE-Konzern. Es soll bis zum Jahresende 2017 auf den Betrieb mit Holzpellets umgerüstet werden, der dann mit staatlichen Zuschüssen unterstützt wird.

Im Dezember 2015 hatte EPH ihren Einfluss in der slowakischen Energiewirtschaft weiter ausgebaut und mit dem italienischen Energiekonzern Enel vereinbart, dessen Anteil von 66 % am dortigen Energieversorger SLE Slovenské Elektrárne zu erwerben. Die Übernahme im Wert von 750 Mio. Euro soll in zwei Stufen ablaufen und ist an die Fertigstellung des bisher unvollendeten Atomkraftwerks Mochovce gebunden.