Die derzeitige Struktur des Strommarktes führt zu unerwünschten Entwicklungen und soll daher umgestaltet werden. Das Bundes-Wirtschaftsministerium will die angestrebten Veränderungen zunächst in einem „Grünbuch“ beschreiben und später ein „Weißbuch“ folgen lassen.

Windräder drehen sich am Braunkohletagebau Vereinigtes Schleenhain, im Hintergrund dampft das Braunkohlekraftwerk Lippendorf. Bewegtbild: Stefan Schroeter


Das BMWI Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hält es für notwendig, die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und aus konventionellen Kraftwerken besser als bisher aufeinander abzustimmen. Auch der Preisverfall am Strom-Großhandelsmarkt werde vom Ministerium beobachtet, sagte Staatssekretärin Iris Gleicke am Montag beim Energiekonvent des Regionalversorgers Enviam in Leipzig.

Dieser Preisverfall ist bekanntlich durch eine Regulierungsentscheidung der Bundesnetzagentur entstanden, wonach seit dem Jahr 2010 die zunehmend größeren Mengen von Strom aus erneuerbaren Energien ohne eigenes Preissignal über die Strombörse vermarktet werden müssen. So hat sich ein Überangebot billigen Stroms herausgebildet, das die Großhandelspreise drückt. Diese niedrigen Strom-Großhandelspreise haben bisher nicht dazu geführt, dass auch die ständig steigenden Preise für kleine und mittlere Stromkunden auch einmal wieder gesunken wären.

Doch auf der Ebene der Stromerzeugung machen die niedrigen Strom-Großhandelspreise die Gaskraftwerke unwirtschaftlich, deren Brennstoff Erdgas relativ hohe Betriebskosten verursacht. Gerade moderne Gaskraftwerke können aber sehr flexibel gefahren werden und wären daher besonders gut dafür geeignet, die schwankende Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ausgleichen. Außerdem stoßen sie deutlich weniger klimaschädliches Kohlendioxid aus als Braunkohlekraftwerke, die zwar weniger flexibel sind, aber aufgrund ihrer niedrigen Betriebskosten weiter gut ausgelastet werden können.

Um solche Widersprüche aufzulösen, will BMWI ein neues Strommarkt-Design erarbeiten. Dazu seien bereits mehrere Studien erstellt worden, die nun in ein „Grünbuch“ einfließen sollen, berichtete Gleicke. Daraus werde dann wiederum ein „Weißbuch“ erarbeitet. Ob in diesem künftigen Strommarkt-Design auch ein spezieller Kapazitätsmarkt für ständig abrufbare Kraftwerksleistungen nötig sei, werde dabei mit den Marktteilnehmern diskutiert. Parallel dazu müsse dieses Thema auch mit der Europäischen Kommission diskutiert werden.

Beim Energiekonvent sprach sich Johannes Kempmann, Präsident des BDEW Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, für einen dezentralen Kapazitätsmarkt aus. Dabei sollen Kraftwerksbetreiber dafür bezahlt werden, dass sie jederzeit abrufbare Kraftwerksleistung vorhalten, die ohne diese spezielle Bezahlung nicht wirtschaftlich wäre. Sein Verband habe dafür bereits einen Vorschlag erarbeitet, sagte Kempmann. Gegen eine solche Vergütung von bereitgehaltener Kraftwerksleistung sprach sich Hubertus Burkhart aus, Vorstandschef der Kübler & Niethammer Papierfabrik Kriebstein. Die Industrie werde mehrere hundert Megawatt abschaltbare Verbrauchsleistung anbieten, kündigte er an. Damit soll es offenbar auch möglich sein, die Schwankungen des Ökostroms auszugleichen.

Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien, Hermann Falk, setzte sich dafür ein, nicht nur die Erzeugung und den Verbrauch von Strom zu flexibilisieren, sondern dabei auch Stromspeicher einzubeziehen. Die Energieunternehmen forderte er dazu auf, neue Produkte für die zunehmend entstehenden zeitweiligen Überschüsse der Ökostrom-Produktion zu entwickeln und den Verbrauchern anzubieten. Eine solche Idee könnte beispielsweise der neue Enviam-Vorstandschef Tim Hartmann künftig einmal aufgreifen. Beim Energiekonvent am Montag plädierte er vor allem dafür, die Kosten der Energiewende stärker zu begrenzen und ihre Lasten fairer zu verteilen. Außerdem sollte es seiner Ansicht nach einen Markt für Systemstabilität geben, der die Versorgungssicherheit wieder stärker in den Vordergrund rückt.


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