Die Zukunft des ostdeutschen Erdgashändlers und Infrastrukturunternehmens bleibt weiter offen. Sein Mehrheitsgesellschafter EWE will sich im kommenden Jahr 2015 entscheiden, ob er die Anteile langfristig hält oder doch verkauft.

Regenwetter an Speck's Hof in Leipzig. Doch im Innern des Gebäudes entwickeln LVV-Strategen optimistische VNG-Szenarien. Foto: Stefan Schroeter


Der Oldenburger Energiekonzern EWE hat sich noch nicht entschieden, ob er seine Mehrheitsbeteiligung am Leipziger Erdgashändler VNG Verbundnetz Gas langfristig halten oder verkaufen wird. Beide Optionen würden weiter geprüft, teilte EWE-Sprecher Christian Blömer am Freitag auf Anfrage mit. Mit einer Entscheidung sei im Jahr 2015 zu rechnen.

EWE hatte im Oktober von Wintershall ein VNG-Aktienpaket von 15,79 Prozent für 320 Millionen Euro übernommen und damit bei VNG eine Aktienmehrheit 63,69 % erreicht. Aufgrund einer Aktionärsvereinbarung aus dem Jahr 1991 reicht diese Mehrheit aber noch nicht aus, um die alleinige Kontrolle über das Unternehmen zu erreichen. Zwar konnte EWE bereits im Juni eine erste neue Aktionärsvereinbarung mit den zehn kommunalen VNG-Aktionären schließen, die gemeinsam 25,79 % halten. Eine für Oktober angekündigte zweite Aktionärsvereinbarung kam dann allerdings nicht mehr zustande. Außerdem ist der russische Energiekonzern und Erdgaslieferant Gasprom mit 10,52 % an VNG beteiligt.

Am Donnerstag hatte sich die Stadt Leipzig überraschend bereit erklärt, mit EWE über eine Übernahme von dessen VNG-Aktienmehrheit zu verhandeln, falls sich die Oldenburger zum Verkauf entschließen sollten. Leipzig ist mit einem Anteil von 7,02 % derzeit der größte kommunale VNG-Aktionär und hat das größte Interesse daran, den Konzernsitz des Erdgashändlers mit den bestehenden Arbeitsplätzen in Leipzig zu halten. Die stadteigene Holding LVV Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft erinnerte am Freitag aber auch daran, dass VNG eine strategische Bedeutung für die Versorgungssicherheit in Ostdeutschland hat. „Dieser Aspekt wird bisher viel zu wenig beachtet“, sagte LVV-Geschäftsführer Norbert Mencke.


Nachhaltige Partnerschaft

Der Erdgashändler verfügt nicht nur über die traditionellen langfristigen Lieferverträge mit Erdgasproduzenten in Norwegen und Russland, sondern hat in den vergangenen Jahren auch deren zeitweilige Krise gemeistert und sich den stark wachsenden Kurzfristhandel erschlossen. Seine Tochtergesellschaft Ontras betreibt das ostdeutsche Ferngasnetz und eine weitere Tochtergesellschaft die ostdeutschen Erdgasspeicher – eine wichtige Infrastruktur für die sichere Erdgasversorgung. Seit einigen Jahren baut VNG auch eine eigene Erdöl- und Erdgasförderung in Norwegen und Dänemark auf, wo allerdings hohe Vorlaufkosten anfallen und der wirtschaftliche Erfolg bisher schwer abzuschätzen ist.

Um die VNG-Aktienmehrheit übernehmen zu können, strebt LVV eine nachhaltige Partnerschaft mit weiteren Investoren aus der Kommunal- und Finanzwirtschaft an. „Das können Energieversorger, Lebensversicherungen oder Infrastrukturfonds sein, die an einem sicheren Geschäft mit niedriger Rendite interessiert sind“, erklärte LVV-Sprecher Frank Viereckl. „Für uns ist es dabei wichtig, dass wir die kommunale Stimmenmehrheit in einer solchen Partnerschaft bewahren und ausbauen können.“ Denkbar wäre beispielsweise ein ähnliches Modell wie bei der VUB Verbundnetz Gas Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft, die derzeit die VNG-Anteile für die ostdeutsche Kommunen  verwaltet. In die Diskussion um ein solches Modell würde selbstverständlich auch Gasprom einbezogen werden, sagte Viereckl.


Realistischer Kaufpreis

Sollte EWE seine VNG-Anteile tatsächlich verkaufen wollen, wäre wahrscheinlich mit einem Kaufpreis zwischen 800 Mio. und 1,3 Mrd. Euro zu rechnen. Die niedrigere Summe ergibt sich aus dem schon weitgehend angebahnten Verkauf eines VNG-Anteils von 0,55 %, den bisher die Stadt Nordhausen hält. Wie der Rundfunksender MDR berichtete, soll Nordhausen diesen Anteil den anderen kommunalen VNG-Aktionären für 9,96 Euro pro Aktie angeboten haben. Das würde einem Verkaufserlös von sieben Millionen Euro entsprechen. LVV will den Nordhäuser Anteil zu diesem Preis kaufen, wartet derzeit aber noch ab, ob sich auch andere kommunale Aktionäre daran beteiligen.

Wird der Nordhäuser Preis auf das VNG-Mehrheitspaket von 63,69 % hochgerechnet, das EWE derzeit hält, dann ergibt sich eine Summe von 812 Mio. Euro. Die höhere Summe von 1,3 Mrd. Euro lässt sich aus der Oktober-Transaktion zwischen Wintershall und EWE errechnen. Ein realistischer Kaufpreis dürfte also zwischen diesen beiden Beträgen liegen – beispielsweise bei einer Milliarde Euro.

Weitere Hinweise auf einen möglichen Kaufpreis könnte das Bewertungsverfahren liefern, das derzeit noch im Verkaufsprozess zwischen Erfurt und VUB läuft. Erfurt will seinen VNG-Anteil von 4,21 Prozent an die übrigen VUB-Gesellschafter verkaufen und strebt dabei einen Preis von bis zu 80 Mio. Euro an. LVV hatte sich prinzipiell auch zum Kauf dieses Anteils bereit erklärt, will aber deutlich weniger zahlen. Auch Dresden hatte vor einiger Zeit angekündigt, seinen VNG-Anteil von 6,47 % verkaufen zu wollen. Allerdings ist es in letzter Zeit recht ruhig um dieses Vorhaben geworden.


Vernetzen