In der Ukraine wird erstmals das Kioto-Instrument Joint Implementation für ein Energiespar-Projekt genutzt. Auf mehr Energieeffizienz, die verstärkte Nutzung einheimischer Energieträger und neue Importprojekte setzen auch andere ost- und mitteleuropäische Länder. 05/2007

kamenets-podilsk_grossSeit dem Jahr 2005 hatten die Emissionshandels-Spezialisten der niederländischen Global Carbon B.V. an dem Energiespar-Projekt im ukrainischen Zementwerk Kamenets-Podilsky gearbeitet. Im März 2007 wurde es schließlich vom United Nations Joint Implementations Supervisory Committee (JISC) registriert – als erstes Projekt überhaupt, das nach dem Kioto-Mechanismus Joint Implementation (JI) umgesetzt werden kann. „Darauf sind wir sehr stolz“, erklärte Managing Director Erik Zaat. Er rechnet nun damit, dass in den nächsten Wochen auch die beiden anderen ukrainischen Projekte der Holländer in einem Metallurgiewerk und in einem Kohleschacht beim JISC registriert und damit umgesetzt werden können.

 

Das Zementwerk in Kamenets-Podilsky gehört dem irischen Baumaterial-Hersteller CRH plc. Er investiert 140 Mio. Euro, um das Werk vom  energieaufwändigen feuchten Produktionsprozess auf eine moderne Trockenfertigung umzustellen. Damit soll der jährliche Kohlendioxid-Ausstoß um 756 000 t reduziert werden. Für das JI-Projekt werden in den Jahren von 2009 bis 2012 insgesamt 3 Mio. t CO2-Einsparung anerkannt, die als Emissionsminderungs-Einheiten gutgeschrieben werden. Mit den Einnahmen aus ihrem Verkauf im Emissionshandel finanziert CRH einen Teil der Investitionen.

 

 

In ukrainischen Zementwerken lassen sich sieben bis acht Millionen Tonnen CO2-Ausstoß vermeiden


Bei der TÜV Süd Industrie Service GmbH, die das Projekt für das JISC geprüft hatte, rechnet Abteilungsleiter Thomas Kleiser damit, dass mittelfristig auch die anderen 14 größeren ukrainischen Zementwerke auf das trockene Produktionsverfahren umgestellt werden. Er schätzt, dass damit jährlich fünf bis sechs Mio. t CO2-Ausstoß vermieden werden können. Weitere zwei Mio. t CO2 ließen sich durch den Wechsel von Brennstoffen und Wärme-Rückgewinnung einsparen.


Energiespar-Projekte können in der Ukraine nicht nur den CO2-Ausstoß erheblich senken, sondern auch die seit dem russisch-ukrainischen Erdgas-Streit Anfang 2006 stark steigenden Energiepreise abfedern. Laut einem Bericht der bfai Bundesagentur für Außenwirtschaft gibt es in der Mineraldünger-Industrie durch den Preisanstieg bei Erdgas auf inzwischen 160 bis 165 US-Dollar je 1 000 Kubikmeter und die damit verbundene erheblich verschlechterte Ertragslage eine reale Gefahr von Unternehmens-Zusammenbrüchen. Seit Anfang 2007 erhalten die Hersteller daher auf Beschluss der Regierung ihr Erdgas zu um ein Fünftel ermäßigten Preisen.

Schwierigkeiten zeichnen sich auch bei ukrainischen Energieversorgern ab, die ihre gestiegenen Gas-Einkaufspreise nicht im gleichen Tempo an ihre Kunden weitergeben können und sich deshalb bei ihren Vorlieferanten verschulden. Aus diesem Grund hatte die Vertriebsgesellschaft DK Gas Ukrainy (GU) schon im Dezember 2006 die Gaslieferungen zunächst an den Hauptstadt-Versorger AEK Kiewenergo und später auch an andere Kunden eingeschränkt. Im April und Mai 2007 meldete GU sogar, dass die Gaslieferungen an Kiewenergo und an sieben weitere kommunale Wärmeversorger wegen hoher Schulden nun ganz eingestellt würden.


Stark steigende Energiepreise bewältigen muss seit Anfang 2007 auch der nördliche Nachbar der Ukraine, Weißrussland (Belarus). Das politisch und wirtschaftlich eng mit Russland verbundene Land konnte sich unter den Nachfolgestaaten der Sowjetunion am längsten niedrige Importpreise für russisches Erdgas und Erdöl erhalten. Nach einer harten Auseinandersetzung zum Jahreswechsel sollen nun die Gas-Importpreise bis 2011 auf europäisches Niveau steigen. Der stellvertretende Ministerpräsident Wladimir Semaschko kündigte damals  für die einheimische Wirtschaft Energiepreis-Steigerungen zwischen 54 und 99 Prozent an. Die Bevölkerung sollte zwischen 12 und 20 Prozent mehr für Wärme und Strom zahlen. Um eine verbrauchsgerechte Abrechnung zu ermöglichen, will die Regierung bis 2010 vier Fünftel der Wohnungen mit Wasser- und Wärmezählern ausrüsten.

Welche großen Reserven es bei der Energieeffizienz in Belarus noch gibt, zeigt die Absicht, die Energieintensität der Volkswirtschaft bis 2010 um ein Drittel zu senken. Derzeit sind Semaschko zufolge in der weißrussischen Wirtschaft 410 Kilogramm Erdöl-Äquivalent nötig, um Produkte im Wert von 1 000 US-Dollar herzustellen – doppelt soviel wie in Polen und fast dreimal so viel wie in Staaten der Europäischen Union. Eine neue Konzeption der Energiesicherheit, die Semaschko im März 2007 vorstellte, zielt darauf, die weißrussische Wirtschaft an die Weltmarktpreise für Energie anzupassen. Für die Minsker Heizkraftwerke 3 und 5 kündigte er groß angelegte Modernisierungsprojekte an, die den Erdgasverbrauch deutlich senken sollen.

 

Dafür, dass sich an solchen Modernisierungen westeuropäische Unternehmen beteiligen können, spricht der Auftrag für ein Gasturbinen-Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung, den die Siemens AG im Mai 2007 vom weißrussischen Chemieunternehmen PJSC Grodno Azot erhalten hat. Die 10 Mio. Euro teure Anlage mit einer Stromleistung von 7,5 MW, einer Dampfproduktion von 19 t/h und einem Gesamtwirkungsgrad von 90,3 Prozent soll im Frühjahr 2008 in Betrieb gehen.

Die Regierung bemüht sich nicht nur um Energieeffizienz, sondern auch um mehr Unabhängigkeit bei der Energieerzeugung, wo bisher fast ausschließlich Erdgas als Brennstoff dient. Nun diskutiert die Regierung über das erste Atomkraftwerks-Projekt des Landes mit ukrainischen, chinesischen und französischen Partnern. Aus der Ukraine will sie mehr Strom importieren, in  Aserbaidschan, Iran, Turkmenistan und Venezuela sollen weißrussische Unternehmen Erdöl und Erdgas fördern. Geplant ist außerdem, Blockheizkraftwerke auf Holz- und Steinkohlebasis sowie Biogasanlagen aus heimischer Produktion zu bauen.

 

Erfahrungen mit steigenden Energie-Importpreisen haben schon seit vielen Jahren die nördlichen Nachbarn von Belarus im Baltikum: In Litauen, Lettland und Estland nähern sich die Importpreise für Erdgas inzwischen dem westeuropäischen Niveau. Die baltischen Länder haben darauf mit verstärkten Bemühungen um Energieeffizienz, Nutzung heimischer Energiequellen und Projekten für neue Energieverbindungen nach Skandinavien reagiert.

Außerdem bereiten die drei baltischen Versorger Eesti Energia AS, AS Latvenergo und Lietuvos Energia AB (LE) den Neubau eines Kernkraftwerks am Standort Ignalina vor. Dort ist derzeit noch ein Kraftwerksblock des russischen RBMK-Typs mit 1 500 MWel in Betrieb, der 2009 abgeschaltet werden soll. Möglicherweise wird in das Projekt auch noch der polnische Versorger Polskie Sieci Elektroenergetyczne SA (PSE) einbezogen, mit dem LE derzeit verhandelt. Nach Angaben von PSE sollen in Ignalina bis 2015 für 6 Mrd. Euro zwei KKW-Blöcke mit je 1 600 MW installierter elektrischer Leistung gebaut werden. Für Kraftwerksprojekte mit Kraft-Wärme-Kopplung sind die KKW-Pläne keine gute Nachricht: Sie dürften es dann in Litauen weiterhin schwer haben, gegen den vergleichsweise billigen Atomstrom zu konkurrieren.

 

 

Polen wollen vor der norwegischen Nordseeküste Erdgas fördern

An einer größeren Unabhängigkeit von den Energieimporten aus dem Osten arbeitet auch der polnische Gas- und Ölkonzern PGNiG Polskie Górnictwo Naftowe i Gazownictwo S.A.. Bisher bezieht das Unternehmen knapp die Hälfte seines Erdgas-Bedarfs  aus Russland, ein Viertel kommt von Lieferanten aus Mittelasien, Norwegen und Deutschland sowie ein weiteres Viertel aus heimischer Produktion. Nun wollen die Polen auch selbst vor der norwegischen Nordseeküste Erdgas fördern: Im Februar 2007 haben sie für 360 Mio. US-Dollar (265 Mio. Euro) einen Anteil von 15 Prozent an drei Erkundungslizenzen für Erdöl und Erdgas erworben. In den betreffenden Erkundungsfeldern Snadd und Skarv werden insgesamt 36 Mrd. m3 Erdgas und 24 Mio. t Erdöl vermutet, die  Förderung soll 2011 beginnen. Für den Transport des norwegischen Gases wird der Bau einer Leitung durch die Ostsee von Polen nach Dänemark erwogen, wo eine Verbindung nach Norwegen möglich sein soll. Darüber hinaus plant der polnische Gasversorger ein Flüssigerdgas-Terminal bei der Ostseestadt Swinoujscie.

Im Gespräch ist auch immer noch ein polnischer Abzweig der geplanten Nord Stream Pipeline, die ab 2010 durch die Ostsee von Russland nach Deutschland führen soll und bisher auf heftigen polnischen Widerstand stößt. In der Branche ist außerdem zu hören, dass der polnische Netzbetreiber Gas-System S.A. an einer Leitung arbeitet, die von der Jamal-Leitung auf dem polnischen Festland in die Ostseestadt Gdansk (Danzig) führen soll. Sollte sich die bisher begrenzte Erdgas-Versorgung im  Nordwesten des Landes mit diesen Projekten deutlich verbessern, könnte dies auch den Geschäften der Leipziger VNG Verbundnetz Gas AG und der SWL Stadtwerke Leipzig GmbH in der Region einen Schub geben. VNG erschließt mit ihrer Tochtergesellschaft G.EN. Gaz Energia S.A. in dieser Region den Gasmarkt und ist mit einem jährlichen Absatz von 587 Mio. kWh zum größten privaten Gasversorger in Polen aufgestiegen – wenn auch mit riesigem Abstand zur staatlichen PGNiG. Und SWL baut in Gdansk mit seiner Tochter GPEC Gdanskie Przedsiebiorstwo Energetyki Cieplnej Sp. z o. o. ein starkes Fernwärme-Geschäft auf.

 

Vor einigen Monaten konnte die GPEC auch eine Mehrheitsbeteiligung an der Fernwärmeversorgung in Sopot übernehmen. „Damit sind wir jetzt mit der Fernwärme-Versorgung in zwei Städten der Dreistadt Gdansk, Sopot und Gdynia vertreten, mit insgesamt einer Million Einwohnern“, sagte SWL-Geschäftsführer Wolfgang Wille. Gdynia könnte noch hinzu kommen. Und die langfristige Vision der Leipziger ist es, gemeinsam mit Partnern auch die Strom- und Gasversorgung in einem Querverbund-Unternehmen aufzubauen.