Die Leipziger EEX European Energy Exchange AG sorgt mit ihren Strom-Börsenpreisen für Diskussionen. Im Interview spricht ihr Vorstandsvorsitzender Dr. Hans-Bernd Menzel über die Bemühungen um mehr Transparenz, den Erfolg neuer Börsenprodukte und die Pläne für einen börslichen Gashandel. 02/2007

hans-bernd_menzelHerr Dr. Menzel, die hohen Strompreise in Deutschland beunruhigen die Menschen. Welche Konsequenzen zieht die EEX, die mit ihren Strombörsen-Preisen als Fieberthermometer der Branche gilt, aus dieser Diskussion?

Auf der politischen Ebene gibt es eine Reihe von Ministern und anderen Amtsinhabern, die sehr kompetent über das Thema urteilen. Der Energiekommissar der Europäischen Union, Herr Piebalgs, war neulich bei uns und hat das Erreichte positiv kommentiert. Es gibt aber auch Stimmen, die weniger vertraut mit den Verfahrensweisen einer echten Energiebörse sind. Im Dezember haben wir da eine Reihe von eher unglücklichen Äußerungen lesen können. Wir werden zu diesem Thema zwei Dinge tun: Zum einen sind alle herzlich eingeladen, herzukommen und sich mit der Faktenlage bekannt zu machen. Zum anderen werden wir am 25. Januar in Frankfurt am Main auf einer Pressekonferenz ausführlicher zu diesen Fragen Stellung nehmen.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat einen Referenten-Entwurf erarbeitet, mit dem das Wettbewerbsrecht und die kartellrechtliche Aufsicht in der Energiebranche gestärkt werden sollen. Die Landes-Wirtschaftsminister haben in ihrer Dessauer Erklärung noch weitergehende Schritte gefordert. Wie würde sich dies auf die Arbeit der EEX auswirken?

Also wir sehen den Referenten-Entwurf des Wirtschaftsministeriums äußerst kritisch, und demzufolge auch den Teil des Dessauer Treffens, der diesen Referentenentwurf unterstützt. Grundsätzlich treten wir aktiv ein für alles, was Märkte klarer, transparenter und sicherer macht. Nur glaube ich, wenn es Verbesserungsbedarf gibt in diesem Bereich, dann wird das im wesentlichen außerhalb der Börse liegen, in dem immer noch sehr wichtigen OTC-Markt (Over The Counter - bilateraler Handel zwischen Unternehmen - Anm. d. Autors).

 

 

Heute werden praktisch alle bilateralen Verträge auf der Basis der EEX-Preise vereinbart.

 

Und warum sehen Sie den Referenten-Entwurf kritisch?

 

Heute werden praktisch alle bilateralen Verträge auf der Basis der EEX-Preise vereinbart. Wenn nur die theoretische Möglichkeit besteht, dass einzelne dieser vereinbarten Preise administrativ und im Nachhinein heruntergesetzt werden könnten, muss dies zwangsläufig große Unsicherheit im Markt erzeugen. Die Folge wird sein, dass der gesamte Markt zusammenbricht , die Preisgestaltung wieder völlig undurchsichtig wird und Europa um Jahre in der Entwicklung zu einem europäischen Energiemarkt zurückgeworfen wird. Dass dies eine durchaus realistische Erwartung ist, zeigt etwa die aktuelle Entwicklung in Frankreich, wo der Markt durch politische Eingriffe im Grunde bereits zerstört worden ist.

 

Der sächsische Wirtschaftsminister Thomas Jurk hat gefordert, dass es an der EEX ähnliche Publizitätspflichten geben soll wie an Aktienbörsen.

 

Das ist eine Diskussion, die seit langem geführt wird. Herr Jurk schlägt vor, wenn ich es richtig verstanden habe, eine Publizitätspflicht für den Ausfall von Kraftwerken einzurichten. Das könnte man in unsere Transparenzinitiative einbeziehen. Sie wissen ja, dass wir bereits heute Verträge mit einer Reihe von Produzenten haben. Dort verpflichten sie sich dazu, Produktionsdaten zu publizieren. Und wir diskutieren darüber, inwieweit wir das mit Ad-hoc-Mitteilungen ergänzen können. Dann wäre diese Forderung von Herrn Jurk im wesentlichen erfüllt. Die Daten zu Kernkraftwerken werden übrigens schon lange ad hoc publiziert, wenn auch aus anderen Gründen. Daten zu anderen Kraftwerken sind ebenfalls bereits länger verfügbar im Markt, wenn auch gegen Geld. Wir machen das kostenfrei.


Derzeit veröffentlichen Sie die Produktionsdaten der beteiligten Kraftwerke am Nachmittag des Folgetages. Sehen Sie Möglichkeiten, diesen Zeitpunkt nach vorn zu verlagern und damit die Transparenz zu erhöhen?

 

Das Einsammeln und Aufbereiten von Informationen macht Arbeit und braucht eine bestimmte Zeit. Mit technischen Fortschritten können wir das vielleicht noch etwas näher heranziehen. Aber zwischen der Ermittlung des Ist (die tatsächlich produzierte Strommenge - d. A.) am Ende eines Tages und der Publikation der Daten muss zwangsläufig ein gewisser Zeitraum liegen.

 

Wie weit können Sie diesen Zeitraum noch verkürzen?

 

Das weiß ich noch nicht. Ich habe allerdings auch an dem Punkt bisher fast keine Kritik gehört. Was ich gelegentlich gehört habe, ist, dass die Daten selbst angezweifelt werden. Da haben wir auch Verbesserungen vorgenommen.

 

Wo zum Beispiel?

 

Einer der Datenlieferanten hatte eine Leistung von 200 MW von Beginn an nicht mit publiziert, weil sein Verfahren einen Fehler hatte. Das haben wir dann gemerkt, ergänzt und mitgeteilt. In meiner Wahrnehmung geht es darum, zu ermitteln, wieviel Strom im Markt sein wird.

 

Halten Sie es auch für möglich, dass man Daten über einzelne Kraftwerke abfragen kann?

 

Da habe ich noch nicht ganz den Bedarf verstanden. Ich weiß, dass es seitens der Efet (Organisation der Stromhändler, d. A.) auf europäischer Ebene den Wunsch gibt, eine blockbezogene Einzelpublikation zu machen. Ich habe aber noch nicht verstanden, warum. Wir machen das jetzt schon nach einzelnen Kraftwerksarten. In meiner Wahrnehmung geht es darum, zu ermitteln, wieviel Strom im Markt sein wird. Ob der aus Kraftwerk A oder aus Kraftwerk B kommt, ist für die Beantwortung dieser Frage völlig irrelevant.

 

Im November haben Sie angekündigt, den deutschen und den skandinavischen Markt bis zum 4. Quartal 2007 miteinander zu koppeln. Wie weit sind die Vorbereitungen dafür gediehen?

 

Konkret haben wir angekündigt: Deutschland-Dänemark, Westdänemark insbesondere. Das Projekt läuft im Zeitplan, und es wird spätestens im 4. Quartal kommen.

 

Welche Konsequenzen ergeben sich damit für die beteiligten Strombörsen EEX und Nordpool?

 

Meine persönliche Meinung dazu ist, dass die Konsequenzen für die Börsen eher gering sind. Viel wichtiger ist, dass es uns hiermit erstmals gelingen wird, ein flexibles Bewirtschaftsungsverfahren für Engpässe einzuführen. Hier wird zum ersten Mal das von uns initiierte Open Market Market Coupling umgesetzt. Wir hoffen, dass wir weitere Engpässe rund um Deutschland und darüber hinaus in dieses Verfahren einbringen können. Die technischen und rechtlichen Voraussetzungen dafür sind gegeben. Wir müssen jetzt die Partner finden dafür.

 

In den vergangenen Monaten haben Sie ein Feuerwerk neuer Produkte gezündet: Kohle-Future, Strom-Spotmarkt Schweiz, den Intraday-Handel. Wie haben Sie das alles bewältigt, und wie wird es von den Kunden angenommen?

 

In der Tat haben wir im letzten Jahr neue Produkte mit relativ geringem internem Aufwand eingeführt und angeboten. Mit der Akzeptanz dieser Produkte sind wir unterschiedlich zufrieden. Der Intraday-Markt entwickelt sich ganz positiv. Auch der Schweizer Markt ist gut gestartet. Es bietet sich auch an, ihn mit der Engpass-Bewirtschaftung zu verbinden. Nicht zufrieden sind wir mit der Entwicklung im CO2-Markt und im Kohlemarkt. Um unsere Produkte in Zukunft besser zu kommunizieren, werden wir unter anderem auch neue Leute einstellen.

 

Die Grundidee war doch, dass Händler, die Strom an der EEX handeln, mit wenig Aufwand auch CO2 und Kohle handeln können. Ist diese Strategie nicht aufgegangen?

 

Die wirtschaftlichen Vorteile unseres Modells liegen eigentlich auf der Hand: Keine weitere Zulassungsgebühr, keine Jahresgebühr, keine Händlerprüfung, keine neue Leitung, keine neue Software. Im Clearing (Finanzielle Abwicklung der Handelsgeschäfte - d. A.) können wir ein sogenanntes Cross-Margining anbieten. Das heißt, jemand, der in verschiedenen Märkten aktiv ist, braucht hier weniger Sicherheiten zu stellen als bei einer Einzelbetrachtung dieser Märkte. Damit wird bei den Handelsteilnehmern insgesamt Kapital von mehreren hundert Millionen Euro fortlaufend geschont. Trotzdem sind wir nicht zufrieden mit dem Ergebnis.

 

Und trotzdem gibt es an der Powernext wesentlich mehr CO2-Handel. Woran liegt das?

 

Ein Erklärungsansatz ist, dass die Personen, die im CO2-Handel aktiv sind, andere sind als im Stromhandel. Und wir haben offenkundig nicht genug die einzelnen Personen angesprochen und dadurch vielleicht die Vorteile unseres Verfahrens nicht ausreichend deutlich gemacht. Der zweite Punkt ist, dass wir derzeit stark auf eine softwaretechnische Integration setzen. Mittlerweile verwenden viele Handelsteilnehmer aber das gleiche System: Trayport Global Vision. Damit haben sie die Möglichkeit, statt über viele Produkte einer Börse ein Produkt über viele Börsen zu sehen. Wir überlegen deshalb, ob wir unser CO2 auch über Global Vision anbieten. Das wäre eine strategische Entscheidung. Der dritte Punkt ist, dass Powernext eine automatische Buchung der CO2-Rechte auf das Konto des Handelsteilnehmers anbietet, was bei uns nur auf Wunsch passiert.

 

Wann steht die Entscheidung zu Global Vision an?

 

Bald, auf jeden Fall im 1. Quartal.

 

Der Börsenrat hat angekündigt, dass die EEX den börslichen Gashandel mit Spot- und Terminmarkt im Jahr 2007 aufnimmt. Wie weit sind die Vorbereitungen dafür gediehen?

 

Sie liegen im Zeit- und Kostenplan.

 

Wie könnte ein börslicher Gashandel an der EEX aussehen?

 

Was ich jetzt schon sagen kann, ist, dass wir uns auf H-Gas verlegen. Dass wir also kein L-Gas machen. Wir werden mit einer Kombination aus Spot- und Terminmarkt beginnen, beides wahrscheinlich in Form des kontinuierlichen Handels. Noch nicht entschieden ist, ob wir zusätzlich zum kontinuierlichen Handel im Spotmarkt eine Auktion einführen. Die Futures des Terminmarkts werden mit physischer Lieferung verbunden sein. Das Ganze wird natürlich von der ECC (der EEX-Tochter European Commodity Clearing AG - d. A.) gecleart werden. Hier können wir wiederum Cross-Margining anbieten mit anderen Produkten, einschließlich der Gasprodukte, die bei unserer holländischen Partnerbörse Endex gehandelt werden. Damit können wir zumindest im Clearing deutsches, holländisches und belgisches Gas zusammenführen.

 

Stellen Sie dann einen einheitlichen Gaspreis für Deutschland fest oder wird es an jedem Virtuellen Handelspunkt der überregionalen Netzbetreiber einen anderen Preis geben?

 

Das Ziel ist natürlich ein Preis in Deutschland, wie wir ihn im Strom auch haben. Ich glaube aber nicht, dass wir das von Anfang an bieten können. Wichtig ist dabei auch, welche Strategie die Bundesnetzagentur verfolgt.

 

Also hängt die Beantwortung meiner Frage von den Entscheidungen der Bundesnetzagentur ab?

 

Nein. Wir werden ja im Jahr 2007 starten, spätestens im Oktober zum Beginn des neuen Gaswirtschaftsjahres. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit beginnen wir mit mehr als einem Virtuellen Handelspunkt. Es ist wünschenswert, aber nicht sicher, dass diese beiden von Anfang an denselben Preis haben werden.