Die unterschiedlichen Beschaffungsstrategien der Gasversorger wirken sich zunehmend auf den Gaspreis für Haushaltskunden aus. Doch die Möglichkeit, einen günstigeren Tarif oder Lieferanten zu wählen, nutzen bisher nur wenige Kunden. 10/2010 


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Haushaltskunden können bei ihrer Gasrechnung mehrere hundert Euro im Jahr sparen, wenn sie von ihrem Grundversorger zu einem günstigeren Gasanbieter wechseln. Nach Berechnungen des Verbraucherportals Verivox bezahlt ein deutscher Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden für das günstigste Angebot seines örtlichen Grundversorgers durchschnittlich 1.192 Euro. Beim günstigsten verfügbaren Angebot mit vergleichbaren Konditionen sind es nur 943 Euro. „Durch den Wechsel zu einem günstigeren Gasanbieter können derzeit durchschnittlich 249 Euro pro Jahr eingespart werden“, fasst Verivox das Ergebnis zusammen.

Da es sich hier um einen Durchschnittswert handelt, kann die tatsächliche Ersparnis für jeden einzelnen Kunden auch deutlich höher oder niedriger ausfallen. Denn die Grundversorger, die in einem Netzgebiet der allgemeinen Versorgung zur Belieferung der Gaskunden verpflichtet sind, verfolgen sehr unterschiedliche Preisstrategien. Verivox ermittelte, dass bundesweit 130 Gasgrundversorger in den Monaten September und Oktober ihre Preise erhöht haben. So hoben die Städtischen Werke Borna in Sachsen ihren schon hohen Grundversorgungstarif für den Musterhaushalt weiter auf 1.637 Euro an. Gleichzeitig senkten 105 Anbieter ihre Preise. Zu ihnen gehören die Stadtwerke Achim in Niedersachsen, die ihren bereits günstigen Preis für den Musterhaushalt noch einmal um 10 Prozent auf 838 Euro verminderten.

„Die unterschiedlichen Beschaffungsstrategien der Gasversorger haben sich noch nie so deutlich auf den Gaspreis ausgewirkt wie in diesem Jahr“, sagt Peter Reese, Leiter Energiewirtschaft bei Verivox. „Aufgrund der starken Preisunterschiede haben Verbraucher die Möglichkeit, von ihrer Marktmacht Gebrauch zu machen und vom Preisgefälle zu profitieren.“

Ein Muster-Haushaltskunde in Borna, der sich mit dem Online-Tarifrechner des Verbraucherportals über alternative Angebote informiert, könnte beispielsweise aus dem Grundversorgungs-Tarif der Stadtwerke in ihren „Sonnifix-Gas“-Tarif wechseln und so 295 Euro im Jahr sparen. Oder er wählt den „fiwa G3“-Tarif der Stadtwerke Finsterwalde und erreicht eine Ersparnis von 544 Euro. In Achim hätte der Musterkunde dagegen keine preiswertere Alternative mehr: Hier wird das Stadtwerk von keinem Wettbewerber unterboten.  

Noch teurer als in Borna ist die Grundversorgung für den Musterhaushalt in der benachbarten Großstadt Leipzig, wo laut Verivox-Tarifvergleich 1.929 Euro fällig werden. Hier kann der Kunde auch noch mehr Geld sparen, wenn er den Tarif wechselt: 501 Euro billiger wird es, wenn er den Tarif „Gas21.online privat“ der Stadtwerke bestellt. Wem das nicht reicht, der kann unter 27 Angeboten von Wettbewerbern wählen, die teilweise noch deutlich günstiger sind.

Die Stadtwerke Leipzig begründen den hohen Preisunterschied zwischen der gesetzlich vorgeschriebenen Grundversorgung und dem Wettbewerbsprodukt „Gas21.online privat“ mit höheren Risiken: In der Grundversorgung könne der Kunde monatlich kündigen, wodurch für die Stadtwerke das Beschaffungsrisiko im eigenen Gaseinkauf steige. „Grundversorger müssen, ohne die genauen Abnahmemengen genau kalkulieren zu können, immer genügend Energie bereithalten“, argumentiert das Unternehmen. Außerdem gebe es ein größeres Risiko von Zahlungsausfällen, weil Grundversorger auch Kunden mit schlechter Bonität beliefern müssten.


Dreimal soviel Geld verschenkt

Interessant ist dabei ein Blick auf den Regionalversorger Mitgas, der im Umland von Leipzig  die Grundversorgung sichert. So zahlt ein Musterhaushalt aus der Kleinstadt Zwenkau in der Mitgas-Grundversorgung 1.495 Euro – und damit 434 Euro weniger als in der benachbarten Großstadt. Wenn der Kunde in den Mitgas-Tarif „Plus-Paket“ wechselt, kann er 171 Euro sparen. Das ist nur noch ein Drittel der Preisdifferenz, die sich bei den Stadtwerken Leipzig zwischen Grundversorgung und günstigstem Wettbewerbsprodukt auftut. Mit anderen Worten heißt das auch: Haushaltskunden in Leipzig, die in der Gas-Grundversorgung bleiben, verschenken dreimal soviel Geld wie wechselunwillige Haushaltskunden in Zwenkau.

Mitgas gehörte vor einigen Jahren zu den ersten auswärtigen Gasversorgern, die auf dem Leipziger Gasmarkt mit Wettbewerbsangeboten für Haushaltskunden auftraten. Inzwischen sind hier rund 30 Anbieter aktiv. Zu ihnen gehören auch kleine kommunale Versorger wie die Stadtwerke Meerane, Eisenberg und Köthen. Während sie über langjährige Erfahrungen im Energiegeschäft verfügen, ist das Energiehaus Dresden ein echter Neuling. 2007 war es als Genossenschaft von Dresdner Vereinen und Bürgerinitiativen gegründet worden, die den damals ständig steigenden Gaspreisen der Versorger eine Alternative entgegen setzen wollten. Seit 2009 bietet das Energiehaus in anderen sächsischen Städten und Regionen Erdgas an. Dabei punktet es nicht nur mit günstigen Preisen, sondern auch mit kurzen Kündigungsfristen. Und in Leipzig ist es einer der preisgünstigsten Anbieter.

Wer sich bei Verivox über Gaspreise orientiert, findet auf dem Portal auch umfangreiche Informationen zur Preisentwicklung von Gas und Strom, ergänzt durch  einem eigenen Verbraucherpreis-Index. Preisvergleiche bieten auch andere Portale wie Kilowatthandel, Tarifvergleich, Toptarif und Wer-ist-billiger.de an. Kilowatthandel sortiert die Anbieter dabei standardmäßig nicht nur nach dem Preis, sondern auch nach Qualität: Er berücksichtigt keine Anbieter, die Vorkasse verlangen oder Paketpreise anbieten. Bei Verivox kann der Kunde solche Kriterien selbst auswählen.


Nur die Hälfte der Wechsel lief reibungslos

Allerdings sollten sich Wechselkunden darauf einrichten, dass es auf dem Weg zu einem neuen Anbieter zu Schwierigkeiten kommen kann. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen fand im November 2009 bei einer Umfrage heraus, dass nur die Hälfte der Gasanbieterwechsel reibungslos ablief.  Bei einem Drittel der Verbraucher klappte der Wechsel gar nicht. Bei vielen verzögerte sich erst das Verfahren, bevor sie in die Grundversorgung des örtlichen Anbieters und damit in den teuersten Tarif rutschten. Bei anderen machte der alte Versorger technische Probleme geltend, akzeptierte die Kündigung nicht oder reagierte überhaupt nicht. Nach Auskunft der Verbraucherzentrale gibt es diese Probleme auch heute noch, die Beschwerden würden allerdings nicht mehr dokumentiert.

Die unterschwellige Befürchtung, dass ein missglückter Anbieterwechsel dazu führen kann, dass ein Haushaltskunde gar nicht mehr mit Gas versorgt wird, ist eigentlich unbegründet. Schließlich ist im Energiewirtschaftsgesetz geregelt, dass ein Grundversorger im jeweiligen Netzgebiet jeden Haushaltskunden zu den allgemeinen Bedingungen und Preisen zu versorgen hat. Bei einem Konflikt im hessischen Linden, der sich bis zu einem Lieferstopp verschärft hatte, stand zunächst der Protest von Kunden gegen Gaspreis-Erhöhungen im Vordergrund. Wie die Gießener Allgemeine Zeitung berichtet, musste sich danach eine Kundin mit den Stadtwerken Gießen vor Gericht darum streiten, dass sie von einem anderen Anbieter versorgt werden kann.   

Die zehn Millionen deutschen Haushaltskunden, die  mit ihrem Gasversorger ein direktes Vertragsverhältnis haben, können seit Mitte 2006 in einen anderen Tarif oder zu einem anderen Lieferanten wechseln. Wie wenig diese Möglichkeit bisher genutzt wird, zeigte eine Kundenbefragung des BDEW Verband der Energie- und Wasserwirtschaft im Frühjahr 2010: Bis dahin hatten erst 16 Prozent der Haushaltskunden schon einmal einen neuen Tarif bei ihrem Gasversorger gewählt. Weitere elf Prozent entschlossen sich dazu, auch ihren Gaslieferanten auszutauschen. Umgekehrt lässt sich daraus schließen: Fast drei Viertel der Haushaltskunden sind bisher im Grundversorgungs-Tarif ihres angestammten Gasversorgers geblieben und bezahlen die mitunter sehr hohen Preise. Für die Gasversorger ist das ein lohnendes Geschäft.


Hohe Wechselrate in Leipzig

Wie sich in Leipzig zeigt, können hohe Grundversorgungspreise den Wechsel der Kunden beschleunigen. Nach Auskunft der Stadtwerke sind bisher 45 Prozent der Leipziger Gas-Haushaltskunden von der Grundversorgung in ein Wettbewerbsprodukt der Stadtwerke gewechselt. 10 Prozent haben einen anderen Anbieter gewählt. Die verbleibenden 45 Prozent befinden sich noch in der Grundversorgung. Nach Ansicht der Stadtwerke würde sich wiederum für 80 Prozent von ihnen ein Wechsel nur geringfügig lohnen, da sie Gas nicht zum Heizen verwenden und daher einen sehr geringen Verbrauch haben.



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