Seit April 2011 hatte sich der polnische Gasversorger PGNiG bei seinem russischen Lieferanten Gasprom darum bemüht, den Erdgaspreis an einen veränderten Markt anzupassen. Nun einigten sich die langjährigen Partner.



Die früher sinnvolle Ölpreisbindung hat den Preis für russisches Erdgas auf ungeahnte Höhen steigen lassen. Nach langen Verhandlungen, mehreren Schiedsgerichtsverfahren und  Absatzverlusten passt der Lieferant seine Preise nun allmählich an. Archivfoto: Gasprom



Der polnische Gasversorger PGNiG Polskie Górnictwo Naftowe i Gazownictwo und der russische Energiekonzern Gasprom haben sich Anfang November in Warschau auf eine Preisänderung für russische Erdgaslieferungen nach Polen geeinigt. Sie betreffen die Gasmengen, die über die Jamal-Pipeline transportiert werden. Beide Seiten erklärten sich nach der Vereinbarung bereit, ein laufendes Verfahren vor dem Internationalen Schiedsgericht in Stockholm zu beenden. PGNiG teilte mit, dass die  eigenen langfristigen Gasverträge nun gegenüber den europäischen Märkten wieder wettbewerbsfähig seien. Das Unternehmen hatte sich seit April 2011 bei Gasprom zunächst vergeblich um eine Senkung des Gaslieferpreises bemüht und schließlich vor einem Jahr das Schiedsgericht angerufen.

Gasprom zufolge berücksichtigt der nun vereinbarte Lieferpreis die aktuellen Marktpreise für Erdgas und Erdölprodukte. Die Prinzipien der Langfristverträge, Abnahmeverpflichtungen und Ölpreisbindung seien nicht in Frage gestellt worden. Der ausgehandelte Preismechanismus für das russische Erdgas spiegele die Veränderungen auf dem Gasmarkt Polens und Europas wider. Konkrete Angaben dazu, ab wann die Einigung gilt und wie sie sich auf den Lieferpreis auswirkt, machten beide Unternehmen nicht. In internationalen Medien werden Preissenkungen zwischen 10 und 16 Prozent genannt, die bereits in den Jahren 2011 und 2012 gelten sollen. Für  PGNiG könnte dies einen finanziellen Vorteil von bis zu 3 Mrd. Zloty (721 Mio. Euro) bedeuten. Zum Vergleich: Das Unternehmen machte 2011 einen Umsatz von 23 Mrd. Zloty und einen Gewinn von 1,7 Mrd. Zloty.

Gasprom hatte im Jahr 2011 eine Erdgasmenge von 10 Milliarden Kubikmetern nach Polen geliefert – etwa zwei Drittel des nationalen Verbrauchs. Wieviel davon durch die Jamal-Pipeline transportiert wurde, auf die sich die Einigung bezieht, ließ der Konzern offen. Diese Pipeline ist auf ihrem polnischen Teilstück ein polnisch-russisches Gemeinschaftsprojekt. Sie kann jährlich 32 Mrd. m³ russisches Erdgas nach Mittel- und Westeuropa transportieren.

Die Grundlage für russische Erdgaslieferungen nach Polen ist ein langfristiger Vertrag, der 1996 geschlossen wurde und bis 2022 gilt. Solche Langfristverträge, in denen die Lieferpreise hauptsächlich an die Preisentwicklung bei den konkurrierenden Erdölprodukten gekoppelt sind, waren in Europa bisher allgemein üblich. Doch dem dramatischen Wandel des Gasmarktes der vergangenen Jahre waren sie nicht gewachsen. Die boomende Schiefergasförderung in den USA führte zu einem weltweiten Überangebot von Flüssigerdgas und zu einem Preisverfall im kurzfristigen Erdgas-Großhandel, während der Ölpreisanstieg gleichzeitig den Gaspreis der Langfristverträge in ungeahnte Höhen trieb. Die etablierten Erdgasimporteure, die sich gegenüber ihren Lieferanten wie Gasprom, Statoil aus Norwegen oder Gasterra aus den Niederlanden in langfristigen Verträgen zur Abnahme großer und teurer Gasmengen verpflichtet hatten, gerieten so unter starken Konkurrenzdruck durch neue Anbieter. In Polen ist die Situation etwas anders: PGNiG hat dort zwar kaum Konkurrenz, kann aber seine regulierten Preise auch nicht beliebig anheben.

Um die Langfristverträge anzupassen, waren und sind langwierige Verhandlungen nötig, mitunter auch Schiedsgerichtsverfahren. So war es dem deutschen Importeur Eon erst im Juli gelungen, sich mit Gasprom über eine rückwirkende Preisanpassung für den Zeitraum seit dem 4. Quartal 2010 zu einigen. Zuvor hatten das auch schon VNG Verbundnetz Gas und Wintershall sowie mehrere andere europäische Erdgas-Importeure erreicht. Zuletzt verlor Gasprom im Streit mit dem tschechischen Importeur RWE Transgas ein Verfahren vor dem Internationalen Schiedsgericht in Wien. Hinzu kommt ein Kartellverfahren der Europäischen Kommission, das auf möglicherweise unfaire Geschäftspraktiken des russischen Konzerns in Mittel- und Osteuropa zielt.

Preisanpassungen gibt es offenbar auch in den Verträgen, nach denen sich europäische Erdgasimporteure untereinander beliefern. So hat PGNiG Mitte Oktober mit dem ostdeutschen Lieferanten VNG eine veränderte Preisformel rückwirkend ab 1. Oktober vereinbart. Diese Formel orientiert sich an den aktuellen Gasmarktpreisen und den Preisen für Erdölprodukte. Konkrete Angaben zum Preisniveau machten beide Unternehmen auch hier nicht. VNG liefert jährlich 400 Millionen m³ Erdgas an PGNiG, der entsprechende Vertrag läuft von 2006 bis 2016.



Einen ausfuehrlichen Bericht zu diesem Thema finden Sie hier.





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