Der deutsche Energiekonzern nutzt den Umkehrbetrieb einer ukrainisch-polnischen Ferngasverbindung, um die ukrainische Gasgesellschaft Naftogas mit Erdgas zu versorgen. Wenn auch ein Umkehrbetrieb an der slowakischen Grenze möglich wird, will RWE die Liefermengen deutlich erhöhen.


Über die polnisch-ukrainische Grenzübergangsstation Hermanowice kann Erdgas im Umkehrbetrieb in die Ukraine geliefert werden. Foto: Gas-System


Der deutsche Energiekonzern RWE hat am Dienstag die Lieferung von Erdgas in die Ukraine wieder aufgenommen. Die Konzerngesellschaft RWE Supply & Trading beliefere wie bereits im Jahr 2013 die staatliche ukrainische Gasgesellschaft Naftogas aus dem europaweiten Gasportfolio des Konzerns, teilte er mit. Das Gas fließe über Polen in die Ukraine.

Die Lieferungen erfolgen auf der Basis des Fünf-Jahres-Rahmenvertrages zwischen Naftogas und RWE ST, der im Mai 2012 unterzeichnet worden ist. Der Vertrag erlaubt die Lieferung von bis zu zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr, wobei die Vertragsdetails jeweils verhandelt werden. 2013 hatte RWE ST bereits eine Mrd. m³ Erdgas an Naftogas geliefert.

Die aktuelle Lieferung an die Ukraine basiert auf europäischen Großhandelspreisen für Gas einschließlich der Transportkosten. Aus Sicht von RWE könnten die Liefermengen signifikant erhöht werden, sofern in den nächsten Wochen Lösungen für politische und technische Transportbeschränkungen an der Grenze zwischen der Slowakei und der Ukraine gefunden werden. Welche Mengen RWE derzeit über die polnische Grenze liefert, ließ der Konzern offen.

Nach Angaben des polnischen Ferngasnetz-Betreibers Gas-System können über die polnisch-ukrainische Grenzübergangsstation Hermanowice täglich vier Millionen m³ Erdgas im Umkehrbetrieb in die Ukraine geliefert werden. Das entspricht einer jährlichen Menge von 1,5 Mrd. m³. Normalerweise dient die Station dazu, russisches Erdgas über die Ukraine nach Polen zu transportieren.

Naftogas befindet sich derzeit mit seinem russischen Hauptlieferanten Gasprom in einem stark politisch aufgeladenen Streit um unbezahlte Rechnungen und einen überhöhten Lieferpreis. Dabei erkennt Naftogas zwar an, gegenüber Gasprom Schulden von 2,2 Mrd. US-Dollar (1,6 Mrd. Euro) für die Erdgaslieferungen der vergangenen Monate zu haben. Die Ukrainer wollen die Rechnungen aber erst begleichen, wenn die Russen ihre zuletzt verkündete enorme Preiserhöhung zurücknehmen. Danach soll der Lieferpreis von zuletzt 268,5 US-Dollar ab April um 81 Prozent auf 485 US-Dollar je 1.000 m³ steigen.

Diese Preisforderung von Gasprom liegt deutlich über den europäischen Großhandelspreisen für Erdgas. So wird Erdgas an der Leipziger Energiebörse EEX derzeit mit 21 Euro je Megawattstunde gehandelt, was umgerechnet etwa einem Preis von 270 US-Dollar je 1.000 m³ entspricht.

Dass Gasprom von Naftogas dennoch einen sehr viel höheren Preis fordert, ist offenbar auf einen Liefervertrag aus dem Jahr 2009 zurückzuführen. Die darin festgelegten hohen Erdgaspreise wurden bisher durch die Zollfreiheit für russische Erdgaslieferungen in die Ukraine ermäßigt, was etwa 100 US-Dollar ausmachte. Einen weiteren Rabatt von mehr als 100 US-Dollar hatte Gasprom in den ersten drei Monaten als Teil eines russischen Hilfspakets für die damalige ukrainische Regierung gewährt. Zollfreiheit und Rabatt wurden nach dem ukrainischen Machtwechsel und der folgenden Krim-Einverleibung durch Russland gestrichen.

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