Aktualisiert: Einem Medienbericht zufolge interessiert sich der polnische Energiekonzern PGE für die zum Verkauf gestellte ostdeutsche Braunkohlesparte des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall. PGE erklärte inzwischen dazu, nicht in den Verkaufsprozess einbezogen zu sein. Als weitere mögliche Bieter kommen eine tschechische Holding und andere Finanzinvestoren in Frage.

Das Braunkohle-Großkraftwerk Lippendorf bei Leipzig wird von Vattenfall betrieben. Bewegtbild: Stefan Schroeter


Der polnische Energiekonzern PGE Polska Grupa Energetyczna ist laut einem Medienbericht daran interessiert, die ostdeutsche Braunkohlesparte des staatlichen schwedischen Energiekonzerns Vattenfall zu übernehmen. Mit einer entsprechenden Aussage zitierte das polnische Internetportal Wysokienapiecie.pl gestern eine „hochgestellte Quelle bei PGE“. Außerdem soll sich Finanzminister Włodzimierz Karpiński am Mittwoch dafür ausgesprochen haben, starke nationale Energieunternehmen zu schaffen. Dabei habe er Übernahmen ausländischer Unternehmen nicht ausgeschlossen, berichtete das Energie-Fachmedium.

Mittlerweile erklärte PGE allerdings gegenüber der polnischen Nachrichtenagentur PAP, dass es nicht in den Verkaufsprozess von Vattenfall-Unternehmensteilen einbezogen sei. PGE befindet sich ebenfalls mehrheitlich in Staatsbesitz, betreibt unter anderem die Braunkohle-Großkraftwerke Belchatow und Turow sowie die zugehörigen Tagebaue. Außerdem ist das Unternehmen die treibende Kraft beim Aufbau einer Atomenergie-Wirtschaft in Polen.

Vattenfall hatte im Oktober 2014 angekündigt, Verkaufsoptionen für sein Braunkohlegeschäft prüfen zu wollen. Als Grund dafür wurde genannt, dass der Kohlendioxid-Ausstoß des Konzerns gesenkt und die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umgestellt werden soll. Dieser Strategiewechsel hatte sich schon länger abgezeichnet und wurde von der damals neugebildeten schwedischen Minderheitsregierung aus Sozialdemokraten und Grünen weiter vorangetrieben. Obwohl diese Regierung keinen langen Bestand hatte und schon nach zwei Monaten im Amt wieder Neuwahlen ausschrieb, will Vattenfall nun zunächst an seinem unternehmensinternen Braunkohle-Ausstieg festhalten.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters im November berichtete, hat Vattenfall die US-amerikanische Citi Group damit beauftragt, einen Käufer zu finden. Interesse hat bisher die tschechische EPH Energetický a Průmyslový Holding angemeldet, die in Ostdeutschland bereits den Braunkohleförderer Mibrag besitzt und dort inzwischen einige fragwürdige Entwicklungen ausgelöst hat. Reuters zufolge zählen zu den möglichen Interessenten auch der tschechische Energiekonzern ČEZ und Finanzinvestoren wie KKR, Blackstone und CVC. Der Wert von Vattenfalls Braunkohlesparte werde auf zwei bis drei Millionen Euro geschätzt, berichtete die Nachrichtenagentur unter Berufung auf zwei Personen, die mit der Strategie von Vattenfall vertraut sein sollen.


Veag und Laubag

Welchen Kaufpreis Vattenfall bei seinem Einstieg in die ostdeutsche Braunkohlewirtschaft ursprünglich gezahlt hatte, lässt sich in der Rückschau nur noch ungefähr ermitteln. Im Handelsblatt-Archiv findet sich ein Bericht vom Dezember 2000, wonach der schwedische Staatskonzern insgesamt 2,9 Milliarden D-Mark für 81,25 Prozent der Aktien an dem ostdeutschen Großkraftwerks-Betreiber Veag und für 92,5 % der Aktien an dem ostdeutschen Braunkohleförderer Laubag zahlen sollte. Die Verkäufer waren damals die deutschen Energiekonzerne Eon und RWE. In den Folgejahren übernahm Vattenfall auch die übrigen Anteile, so dass der gesamte Kaufpreis wohl bei umgerechnet etwas mehr als 1,5 Mrd. Euro gelegen haben dürfte.

Mit Veag hatte Vattenfall auch das ostdeutsche Höchstspannungs-Stromnetz übernommen, das später in die Gesellschaft 50Hertz ausgegliedert und verkauft wurde. Außerdem hat Vattenfall zuletzt mehrere kleinere Unternehmen aus dem ursprünglichen Veag-Bestand zu Geld gemacht, wie die Ingenieurgesellschaft Vattenfall Europe Power Consult mit 535 Mitarbeitern und zwei Gebäudeverwaltungs-Gesellschaften mit insgesamt mehr als 500 Beschäftigten. Die Kaufpreise wurden dabei jeweils in Stillschweigen gehüllt.

Den ständigen Abbau von Arbeitsplätzen, der seit Anfang der 90er Jahre in der ostdeutschen Braunkohlewirtschaft stattgefunden hatte, setzte Vattenfall weiter fort: Waren im Jahr 2000 bei Veag und Laubag noch 14.000 Menschen beschäftigt, sind es heute in der Braunkohlesparte des Konzerns laut Handelsblatt noch 8.200. Im Jahr 2013 soll Vattenfall 63,3 Mio. Tonnen Braunkohle gefördert und 57 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert haben.


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